Mutmacher: Sei, wie du bist

Nur, wenn du dich zeigst, wie du bist, kannst du auch gemocht und geliebt werden, wie du bist. Die Menschen um dich herum sehen meist nur das, was du ihnen zeigst. Wenn das nicht echt ist oder du vieles verbirgst, wirst du nie das Gefühl haben, als ganzer Mensch akzeptiert und geliebt zu werden. Du gerätst in einen Teufelskreis, denn um die Zuwendung, die du bekommst, zu erhalten, wirst du dich immer wieder so geben, wie die anderen dich vermeintlich haben wollen.

Es sind nicht die anderen, die dir ihre Liebe vorenthalten, sondern du selbst sorgst für den Mangel. Es ist das, was du tust, um geliebt und akzeptiert zu werden, das dir letztendlich echte Akzeptanz und Liebe vorenthält.

Momentaufnahme: Begegnung am Silvestermorgen

Am Silvestermorgen bog ich noch ganz verschlafen mit meinem Hund um die Ecke und wäre fast in die ältere Dame, die im Häuserblock hinter unserem Garten wohnt, geprallt. Artig grüßte ich sie und wünschte ihr einen guten Rutsch.  

Schnell wollte ich weitergehen, als sie mich mit der Frage, wie es meinem Mann ginge, stoppte.

„Etwas besser“, antwortete ich, “er kann jetzt mit seinen Krücken schon kleinere Strecken zurücklegen und wir rechnen damit, dass er im Laufe des nächsten Jahres fast vollständig gesund wird.“

„Mein Mann hat einen Rollator“, erzählte sie mir und stellte ihre Einkaufstaschen auf den Boden. „Gegen den hat er sich lange gewehrt. Jetzt ist er froh darüber, wieder aus dem Haus zu können“. Dann berichtete sie mir, wie ihr Mann nach einem Zeckenbiss plötzlich seine Füße nicht mehr spüren konnte und sein Gang im unsicherer wurde. Es dauerte fast zwei Jahre, bis feststand, dass ein Zeckenbiss Auslöser war. Kurz darauf erlitt er einen leichten Schlaganfall und aus einem zupackenden, immer beschäftigten  Handwerker wurde ein Mann, der das Haus kaum verlässt und bei fast allem auf Hilfe angewiesen ist.

„Wissen Sie“, raunte sie mir zu, „meine Tochter wohnt nicht weit weg. Und manchmal, während sie arbeitet, gehe ich für ein paar Stunden in ihre Wohnung. Die Ruhe! Kein Fernsehen, kein Radio, keiner, der mich ruft. Kranke Menschen verändern sich.“  

Gern hätte ich ihr etwas Kluges, Mut machendes gesagt, aber mir fiel nichts Besseres ein als ihr zu sagen, dass dies bestimmt nicht leicht für sie sei und ich ihre Geduld bewundere. Sie entgegnete, dass sie seit 45 Jahren verheiratet sei und sie und ihr Mann ja viele schöne gemeinsame Jahre gehabt hätten. Man müsse das Leben eben nehmen, wie es komme.

Dann wünschte sie mir ein gutes neues Jahr und bat mich, meinem Mann Grüße auszurichten. Ich versprach das zu tun und schämte mich ein wenig. Ich hatte sie immer für eine missmutige alte Frau gehalten, die kaum mal grüßte und eigentlich hatte ich auch gar keine Lust gehabt, mit ihr zu reden. Jetzt sah ich sie in einem anderen Licht und nahm mir vor, im nächsten Jahr achtsamer mit meinen Nachbarn umzugehen.

Momentaufnahme: Suche nach dem Weihnachtsschmuck

Nach fast 40 Jahren lebe ich wieder im Haus meiner Kindheit. Meine Mutter, froh endlich frei von allen Verpflichtungen zu sein, zog in eine helle Wohnung im 5. Stock und überließ uns das Haus so, als wäre sie nur mal eben zum Einkaufen gegangen. Zum Glück hat das Haus einen geräumigen Keller, in dem wir Möbel, Teppiche, Geschirr und Fahrräder stapeln konnten.

In den folgenden Wochen und Monaten erfreuten wir Sperrmülljäger und Gebrauchtwarenliebhaber, indem wir Cocktailsessel, Blumenhocker und Zeitungsständer, Zinnkrüge, den Kronleuchter und das Bidet aus dem Bad an die Straße stellten.

Zurück blieb ein Haus im Stil der späten 70iger Jahre, einschließlich der Prilblumen an den Küchenkacheln und brauner Fliesen im Flur.

Die nächsten Monate schliffen und verputzten, strichen und verkabelten wir alles, was nur möglich war und erfreuten uns endlich an einem hellen, lichtdurchfluteten und freundlichen Haus. Erst als Weihnachten kam und damit der Wunsch nach Heimeligkeit und Kindheitserinnerungen, kam es mir in den Sinn, auf den Dachboden zu steigen und den alten Weihnachtsschmuck zu suchen. Mein Mann ließ die steile Treppe herab und ich krabbelte hinauf.

Oben empfing mich eine dicke Schicht Teppiche, mindestens 5 übereinander, zur Isolation, wir mir meine Mutter später erklärte. Durch die Fensterluke fiel trübes Licht auf alte Umzugskartons und Kisten. Zuversichtlich, den alten Weihnachtsschmuck zu finden, öffnete ich die erste Kiste und fand Bärbel. Meine Lieblingspuppe – nackt, mit spröden blonden Haaren und hochgerissenen Armen starrte sie mich an.  Unter ihr lagen Barbies, spitz und pieksig, aber kein Weihnachtsschmuck. Es folgten vier Kisten mit Büchern, meine Mutter war Mitglied Leseclub. Ein Buch von Pearl S. Buck lag oben auf, und für einen kurzen Augenblick war ich wieder 12, als ich die Sommerferien lesend auf dem Balkon verbrachte. In der nächsten und übernächsten Kiste fand ich Kleidung, sogar mein erstes Ballkleid in Größe 36. Was war ich damals doch für ein zartes Wesen und ganz verliebt in Jakob, der immer eine Lederjacke mit Fransen trug und mich für Isolde, diese dumme Kuh, verließ..

In der letzten Kiste kamen Schallplatten ans Licht: Beatles, Rolling Stones, T. Rex und Sweet und mir fiel der orange Plattenspieler ein, auf den ich jahrelang gespart hatte, damit ich meine Familie mit lauter Musik tyrannisieren konnte.  Den alten Weihnachtsschmuck fand ich schließlich im Keller. Er roch muffig und ich verbannte ihn zusammen mit den anderen Erinnerungen ins Dunkel des Dachbodens. Das Haus schmückte ich mit den Schätzen, die ich im Deko-Outlet gefunden hatte.