Neid

Schon als kleines Mädchen habe ich gelernt, dass Neid von schlechtem Charakter zeugt. Ein guter Mensch freut sich über die Erfolge anderer.

Nun, ich bin kein guter Mensch. Ich bin neidisch.

Als Schülerin war ich neidisch auf meine Klassenkameradin Isabelle. Sie war hübsch, sie war beliebt und sie war  intelligent. Außerdem war sie freundlich, bescheiden und hilfsbereit. Und ich habe sie gehasst. Warum? Weil ich neidisch auf sie war. Sie war so selbstsicher, traute sich alles zu. Meldete sich im Unterricht, wurde zur Klassensprecherin gewählt und zeigte keine Scheu auch die coolsten Jungs anzusprechen. Ich selbst hingegen war schüchtern und unsicher und blieb lieber im Hintergrund. Dabei wäre ich so gern wie Isabelle gewesen. Doch das konnte ich mir nicht eingestehen, also  wandelte ich meinen Neid in Ablehnung um, machte sie schlecht, wo ich nur konnte, grinste hämisch, wenn sie mal keine Eins in Deutsch schrieb.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Ich habe sie seither nur einmal bei einem Klassentreffen wieder gesehen. Sie erschien in einem roten Kleid, selbstsicher und attraktiv. Aus ihr war eine erfolgreiche Anwältin geworden.  Es ließ mich kalt, denn in der Zwischenzeit war ich selbst erfolgreich in meinem Beruf und hatte enorm an Selbstwertgefühl gewonnen. Neid war mir fremd geworden. Dachte ich. Bis ich Natalja kennen lernte.

Natalja ist die Lebensgefährtin meines Schwagers.  Deutlich jünger als ich, schlank und sie weiß sich zu kleiden. Alles, was sie trägt, passt  perfekt zueinander und ist doch irgendwie originell und ein Hingucker. Obwohl sie nicht besonders hübsch ist, schafft sie es mit einem schicken Haarschnitt und geschicktem Make-up immer anziehend zu wirken.

Nataljas bastelt, malt und dekoriert mit Hingabe und  Geschick. Ihr Haus und ihr Garten sind geschmackvoll gestaltet und es ist stets gemütlich und aufgeräumt bei ihr. Neuerdings ist sie bei Facebook und Instagram aktiv und hat bereits hunderte von Fans. Ihre Fotos sind einfach schön.

Nun, eigentlich ist Natalja nett. Sie ist immer freundlich und macht kein Aufheben um ihre Talente. Trotzdem steht immer sie Mittelpunkt und alle Leute, mein Liebster eingeschlossen, sind stets bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Wenn wir gemeinsam ein Video gucken, dann ist es Natalja, die es aussucht und Nataljas Wunsch entscheidet, ob wir ausgehen oder zuhause essen.

Schon nach dem ersten Treffen entwickelte ich eine tiefe Abneigung gegen sie. Verspürte den Wunsch, alles, was sie tat, abzuwerten, ihr weh zu tun, sie links liegen zu lassen. Sah mich im Wettbewerb mit ihr, wovon sie selbst wohl gar nichts ahnte. Es war mein jüngerer Sohn, der mich, nachdem ich wieder mal ein paar bissige Bemerkungen über sie gemacht hatte, fragte, ob ich etwa neidisch auf sie sei.

Ja, und so ist es. Wider besseren Wissens  fühle ich mich neben Natalja klein und unbedeutend. Mein Haus und mein Garten erscheinen mir einfallslos und mein Beruf uninteressant. Es hilft nicht, wenn ich mir vor Augen halte, was ich in meinem Leben schon alles geschafft habe, dass ich „studiert“ bin und sie ungelernt, dass ich drei Sprachen spreche und sie nur ein bisschen holpriges Englisch.

Natalja hat etwas, worum ich sie zutiefst beneide: sie geht einfach davon aus, dass ihr alles, was sie tun möchte, gelingen wird. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass man ihr etwas abschlagen könnte und sie findet alles, was sie tut, gut und teilt es gern mit anderen. Sie findet nichts dabei, dass ihr Lebensinhalt aus Einkaufen, Kochen und Backen, Schmücken und Dekorieren besteht. Sie gibt unumwunden zu, nie ein Buch zu lesen und ist zufrieden, ein paar Stunden als Verkäuferin zu arbeiten. Sie strahlt eine tiefe innere Sicherheit aus und so ist sie es, die stets das bekommt, was sie möchte.

Wie gut, dass Natalja 2000 km von uns entfernt wohnt und ich sie höchstens zweimal im Jahr für ein paar Tage sehe. Dazwischen habe ich genug Zeit, meine Wunden zu lecken und mich von meinen Neidattacken zu erholen. Und ja, ich weiß, dass nicht der scheinbare Perfektionismus von Natalja, sondern meine eigenen „Baustellen“ Ursache dieses Neides sind. Denn, ganz ehrlich, eigentlich ist sie wirklich eine ganz Nette und manchmal mag ich sie sogar – bis sie wieder so einen perfekten Kuchen serviert oder alle ihre neusten Fotos loben…

Ein neuer Name für den Blog

Aus ’20 Kilo leichter – ein Abnehmtagebuch‘ ist ‚Trinas Welt – über 50 und mitten im Leben‘ geworden.

Abnehmen und Gesundheit sind und bleiben ein wichtiges Thema für mich, aber ich habe mich mit meinem Abnehmtagebuch nicht mehr wohl gefühlt. Die Welt ist bunt, vielfältig, spannend und schön und es gibt so viele Dinge, die ebenfalls Aufmerksamkeit verdienen. Das soll sich nun auch Titel des Blogs und in den künftigen Artikeln widerspiegeln.

 

 

Ein dunkler Tag

Kennt Ihr das?

Ihr geht froh gestimmt und ausgeglichen ins Bett und wacht am nächsten Morgen niedergestimmt auf. Der Kopf und die Glieder sind schwer, der Tag erscheint überhaupt nicht verheißungsvoll. Ihr quält Euch ins Bad, schaut in den Spiegel und seht müde Augen und ein verquollenes Gesicht. Der Körper fühlt sich bleischwer an, die Gedanken sind verschwommen.

Ihr folgt Eurer Routine: duschen, Zähne putzen, frühstücken, geht zur U-Bahn oder steigt ins Auto, fahrt zur Arbeit. Alles wie ferngesteuert. Ihr seid weder traurig, noch wütend, noch fröhlich oder glücklich. Sondern einfach nur wie betäubt und leer.

Was ist das? Niedriger Blutdruck? Überbleibsel von schweren Träumen aus der Nacht? Einfach nur ein Signal des Körpers, dass er Ruhe braucht? Oder habe ich etwas gegessen oder getrunken, das mir nicht bekommen ist?  Könnte es der Wetterumschwung sein?

Ich weiß es nicht.  Aber ich bin gestern genau so erwacht. Habe mich durch die ersten Stunden des Tages gequält. Kaffee und noch mehr Kaffee getrunken, um wach zu werden. Mich gereckt und gestreckt, um den Körper zu wecken, aber ich fühlte mich trotzdem noch schwer, beladen, unbeweglich und steif. Körperlich und seelisch.

Auf der Arbeit funktionierte ich auf Sparflamme. Erst nach dem Mittagessen ging es mir langsam etwas besser. Die Energie kehrte zurück, der Kopf wurde klarer. Ich beschloss, früh nach Hause zu fahren und einen langen Spaziergang durch die Feldmark zu machen. Die frische Luft, die Bewegung, mein Hund, der mich zum Spielen aufforderte, taten gut und den restlichen Abend fühlte ich mich wieder wie ich selbst.

Heute morgen wachte ich ausgeruht und ganz bei mir auf. Trotzdem hat mich der gestrige Tag nachdenklich gestimmt.

Ist es wirklich realistisch, von sich selbst zu erwarten, immer gleichmäßig gut und wohl gelaunt zu funktionieren?  Wie wäre es wohl, wenn ich jeden Tag so aufwachen würde? Benommen und ohne Energie? Viele Besucher unserer Einrichtung berichten, dass sie es während der schlimmsten Phase ihrer Depressionen nicht mehr schafften aufzustehen oder  auch nur die kleinsten Dinge des Alltags zu erledigen, wie zum Beispiel sich zu waschen. Zu schwer war der Körper, zu kraftlos und  niedergestimmt die Seele. Der Tag gestern hat mir einen Hauch dieser Schwere vermittelt.

Wie gut habe ich es da, dass ich nur alle paar Monate mal so einen dunklen Tag habe! Ganz bestimmt hat so ein Tag seine Berechtigung, und sei es nur, um uns zu zeigen, dass das Leben sich auch ganz anders anfühlen kann.