„Wie praktizieren Sie denn Selbstfürsorge?“
Für einen Moment bin ich ratlos. Ich stehe vor einer Gruppe von 8 Seminarteilnehmenden, mit denen ich das Thema ‚Work-Life-Balance‘ besprechen will. In meinem kleinen Vortrag habe ich mehrfach betont, wie wichtig Selbstfürsorge für die psychische Gesundheit ist. Für Selbstfürsorge muss immer Zeit sein, habe ich mehr als einmal betont und dass sie zu den Kompetenzen gehört, über die jeder Erwachsene verfügen sollte.
„Ich sorge gut für mich, indem ich auf meine Bedürfnisse achte und soweit möglich alles tue, damit es mir körperlich und seelisch gut geht“, versuche ich mich mit einer allgemeinen Aussage rauszureden.
„Woher wissen Sie denn, was Ihre Bedürfnisse sind? Ich weiß oft gar nicht, was ich gerade brauche“, unterbricht mich Clara.
„Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was Selbstfürsorge ist“, schlage ich vor. „Selbst – für – Sorge oder für sich selbst sorgen. Das fällt offensichtlich vielen Menschen schwer, und ich selbst habe auch immer mal Phasen, in denen ich nicht so gut mit mir umgehe. Nicht umsonst gibt es so viele Ratgeber zu diesem Thema. Lassen Sie uns mal gemeinsam überlegen, was Selbstfürsorge ist.“ Einige in der Gruppe horchen auf.
„Stellen Sie sich vor, Sie wären eine liebevolle Mutter und müssten ein Kind versorgen. Was gehört dazu?“
„Ich muss es füttern.“
„Ja, und anziehen. So, dass es nicht friert oder schwitzt.“
„Und ihm Regenkleidung mitgeben, wenn es regnen könnte“
„Und was zu trinken.“
„Was braucht das Kind noch?“ frage ich.
„Wenn Sie auf die Bedürfnispyramide von Maslow hinauswollen, dann sind Sicherheit, soziale Kontakte, Anerkennung und Wertschätzung sowie Selbstverwirklichung Grundbedürfnisse des Menschen“, belehrt uns nun Katrina, „und diese Bedürfnisse sind hierarchisch geordnet. Erst wenn die körperlichen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Sicherheiterfüllt sind, werden soziale Kontakte relevant und wenn diese gegeben sind, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und danach kommt als Krönung noch die Selbstverwirklichung.“
„Danke Katrina, Sie haben uns die Bedürfnispyramide gut erklärt. Welche Bedeutung hat sie denn für unsere Selbstfürsorge?“
„Na, dass sie uns sagt, welche Bedürfnisse wir haben und dass wir selbst dafür sorgen müssen, dass alle diese Bedürfnisse befriedigt werden“. Tjark klingt leicht genervt.
„Genau“, kommt es wieder von Katrina. „Selbstfürsorge heißt nicht nur, sich gut zu ernähren und zu meditieren, sondern alle Lebensbereiche mit einzubeziehen“. Hatte ich erwähnt, dass Katrina fünf Semester Psychologie und Soziologie studiert hatte? Ich verkneife mir, der Gruppe einen längeren Vortrag über Maslow und die Hintergründe dieses recht alten Modells zu halten.
„Richtig“, entgegne ich. „Als Erwachsene müssen wir lernen, selbst auf unsere verschiedenen Bedürfnisse zu achten und auf ihre Erfüllung hinzuwirken. Das klingt selbstverständlich und doch gelingt es den meisten Menschen nicht immer und einigen sogar überhaupt nicht. Woran kann das denn liegen?“
„Sie haben es nicht gelernt“, „sie möchten, dass andere Menschen ihre Bedürfnisse erfüllen“, „sie haben keine Zeit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Zu viel Arbeit, zu viel Stress“, „sie müssen sich um andere kümmern, um ihre Kinder zum Beispiel, da bleiben ihre Bedürfnisse auf der Strecke“, „sie wissen gar nicht, was ihre Bedürfnisse sind, weil sie sich selbst nicht spüren“, „ja, oder weil sie als Kind nie Bedürfnisse äußern durften“, „am Arbeitsplatz zählt Leistung, da ist kein Raum für Selbstfürsorge“.
Die Gruppe ist jetzt voll dabei.
„Ok. Es gibt also viele Dinge, die uns davon abhalten können, gut für uns zu sorgen.“ Ich schreibe an die Tafel:
- Nicht wissen, wie man für sich sorgt
- Wunsch danach, versorgt zu werden.
- Zeitdruck, Stress, Arbeitsdichte
- Pflege oder Versorgung anderer Menschen, z. B. Kinder
- Eigene Bedürfnisse nicht (mehr) spüren
„Fallen euch noch andere Gründe ein?“
„Andere Menschen wichtiger nehmen als sich selbst. Dann stellt man ihre Bedürfnisse über die eigenen.“
„Das Gefühl zu haben, dass es egoistisch ist, wenn man für sich selbst gut sorgt. Oder auch das Gefühl zu haben, dass man nichts Gutes verdient.“
Ich fasse zusammen. „Selbstfürsorge bedeutet also, die Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu übernehmen und gut für uns zu sorgen. Oder, mit anderen Worten, uns selbst gute und liebevolle Eltern zu sein. Dazu sage ich beim nächsten Mal noch ein bisschen mehr.
Dann haben wir festgestellt, dass es viele verschiedene Gründe gibt, aus denen es oft schwerfällt, wirklich gut für sich zu sorgen. Die gucken wir uns in den nächsten Stunden auch genauer an. Für heute ist unsere Zeit beendet, aber vielleicht findet ihr ja Zeit, noch ein bisschen über Selbstfürsorge und was das eigentlich für euch bedeutet, nachzudenken.“
Als ich den Seminarraum verlasse, brummt mein Kopf. Selbstfürsorge – ist das wirklich so ein wichtiges Thema?
Habe ich da gerade Blödsinn erzählt? Natürlich werden nie alle unsere Bedürfnisse erfüllt, egal wie gut wir für uns sorgen. Kann Selbstfürsorge nicht auch etwas sein, dass wir in Zeiten brauchen, wenn unsere Bedürfnisse aufgrund äußerer Umstände gerade nicht erfüllt werden können? Oft können wir doch nur darauf hinwirken, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden und müssen dann mit dem Frust leben, z. B. abgewiesen zu werden. Nein, so ganz richtig kann meine Definition von Selbstfürsorge nicht gewesen sein.
Wie hängt Selbstfürsorge mit den anderen „Selbst“-Themen zusammen? Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstliebe? Und wie lässt sich Selbstfürsorge im Umgang mit anderen Menschen praktizieren? Besonders dann, wenn diese noch nicht oder nicht mehr selbst für sich sorgen können? Ist es denn wahr, dass ich ganz allein dafür verantwortlich bin, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden? Gibt es nicht auch eine staatliche oder gesellschaftliche Verantwortung? Eine Verantwortung in Freundschaften oder in der Partnerschaft? Wie kann ich für mich selbst sorgen, ohne ein Egoist zu sein und nur um mich und meine Bedürfnisse zu kreisen? Und was ist mit meinen Wünschen und Träumen? Liege ich richtig, dass es bei der Selbstfürsorge nur um die Erfüllung von Bedürfnissen geht? Sind die nicht von Mensch zu Mensch sehr verschieden? Kommt vor der Selbstfürsorge nicht erst mal das sich-selbst-kennenlernen, damit man überhaupt weiß, was man braucht? Da habe ich jetzt wirklich ein Fass aufgemacht. 1000 Fragen gehen mir durch den Kopf und ich muss mich erst mal sortieren, bevor ich die nächste Stunde zu diesem Thema gestalte.