Ein neuer Name für den Blog

Aus ’20 Kilo leichter – ein Abnehmtagebuch‘ ist ‚Trinas Welt – über 50 und mitten im Leben‘ geworden.

Abnehmen und Gesundheit sind und bleiben ein wichtiges Thema für mich, aber ich habe mich mit meinem Abnehmtagebuch nicht mehr wohl gefühlt. Die Welt ist bunt, vielfältig, spannend und schön und es gibt so viele Dinge, die ebenfalls Aufmerksamkeit verdienen. Das soll sich nun auch Titel des Blogs und in den künftigen Artikeln widerspiegeln.

 

 

Bei Süßigkeiten versagt der Verstand

Ich bin ein Kopfmensch. Ich denke nach, ich rede und zerrede, ich strukturiere und organisiere. Solange mein Kopf etwas zu tun hat, geht es mir gut. Selbst wenn ich mich bewege, kommt mein Kopf mit ins Spiel, der ausrechnet, wie viele Kalorien ich wohl grade abgearbeitet habe und welche Muskelgruppen ich trainiere.

Nur bei Süßigkeiten, da versagt mein Verstand. Er flüstert mir noch zu, dass zuviel Zucker der Leber schadet, dick macht und die Zähne zerfrisst, aber dann, ganz unverhofft und plötzlich zieht er sich zurück. Wie ferngesteuert greife ich nach der Packung Kekse oder der 300-Gramm-Tüte Lakritz. Zuhause dauert es  keine 5 Minuten und die Packung ist leer. Bevor das schlechte Gewissen sich regt,  übernimmt der innere Schweinehund. Der flüstert mir ein, dass man sich ja mal was gönnen darf, dass Lakritz doch fettarm ist, Eis die Magenschleimhaut beruhigt und Hafer cholesterinfrei ist und ich morgen durch vernünftige Ernährung alles wieder gut machen kann.

Schon längst hat mein Verstand erkannt, dass ich mich wie ein Süchtiger verhalte, wenn es um Süßigkeiten geht. Es gibt immer einen Grund zu Süßem zu greifen. Mal ist es der Stress auf der Arbeit, dann wieder brauche ich eine Belohnung für die 3 Stunden Gartenarbeit, dann wieder muss ich mich trösten, weil ein Kollege so garstig zu mir war. oder, oder. oder.

Das erste Stück Schokolade löst sofort Verlangen nach mehr aus. Erst, wenn die Tafel alle ist, höre ich auf. Solange ich weiß, dass irgendwo im Haus noch Süßes liegt, bin ich unruhig, schweifen meine Gedanken immer wieder zu dem Schrank, in dem das Suchtmittel liegt. Früher oder später greife ich  zu, esse, bis alles weg ist. Dabei verschlinge ich keine Unmengen an Süßigkeiten, sondern eben nur eine Tüte Lakritz, oder eine Tafel Schokolade. Aber das ist mehr als mir gut tut, denn auch bei dem gesunden Essen lange ich gern kräftig zu. Kontrollverlust habe ich noch nicht erlebt, aber ich habe ein Ahnung, wie es sich anfühlen könnte. In Maßen ein Stück Schokolade genießen, das kann ich nicht. Alles oder nichts lautet hier die Devise.

Meist brauche ich drei oder vier Tage, bis diese Fressphase vorbei ist. Zu lang, um es mit einer Woche gesunder, fettarmer Ernährung wieder auszugleichen. Das Gewicht stagniert.

Was ich mir selten erlaube, ist Spaß haben. Loslassen. Einfach nur sein. Genießen. Lachen, kichern, albern sein. Sorglos sein. Das fällt mir schwer. Ebenso schwer, wie Gefühle wahrzunehmen.

Wut? Nein, weshalb? Trauer? Es ist ja keiner gestorben und ansonsten habe ich doch alles im Griff.  Ich bin stark und schaffe alles. Mein Kopf sorgt dafür, dass ich ein Problem erkenne, es analysiere, einen Plan entwickle, um es zu lösen. „Mir geht es gut“ und „ich schaff das schon“, sind Standardsätze, die automatisch über meine Lippen kommen.

Gefühle, Fühlen, Spüren – keine Zeit, es gibt viel zu tun und ich muss noch dies und das und jenes erledigen, bevor ich dies oder das tun kann. Der Verstand treibt mich voran. Bis ich dann vor dem Regal mit Süßigkeiten stehe und ……

Ärzte, Waage, Metformin

Ich bin sauer, auf alles und jedes, vor allem aber auf meinen Arzt, meine Waage und dieses Medikament, dass ich seit 4 Wochen nehmen, Metformin.

Mein Hausarzt ist ein freundlicher, etwas rundlicher junger Mann, der seinen Beruf sehr ernst nimmt. Bislang bin ich alle zwei Jahre bei ihm aufgeschlagen, um den Gesundheitscheck machen zu lassen. Die letzten zwei Male zog dies diverse andere Arztbesuche nach sich. Mal überwies er mich zum Hautarzt, weil ein Muttermal ihm merkwürdig erschien, mal sollte ich einen Internisten aufsuchen, weil ich beim Abtasten des Bauches gezuckt hatte, und in meinem Alter, bei meinem Gewicht und meiner Haarfarbe (blond, dank L’Oreal) die Wahrscheinlichkeit von Gallensteinen groß ist.

 

Mein Hausarzt ist sehr gründlich, und befragte mich auch eingehend nach Erkrankungen in der Familie, nach den Todesursachen meiner Großeltern und meinen Lebensgewohnheiten. Rückblickend ist mir klar, dass ich zu viel erzählt habe. Hätte ich nicht erwähnt, dass mein Großvater mit 67 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist, hätte er mich sicher nicht zur Dopplersonografie geschickt, weil er den Puls an meinem Knöchel nicht finden konnte. Und hätte ich nicht erwähnt, dass alle Tanten und Onkel mütterlicherseits Diabetes Typ II entwickelt haben und auch eine Neigung zu hohen Cholesterinwerten besteht, dann würde ich jetzt sicher nicht Metformin nehmen.

So aber überprüfte er meinen Blutzucker nicht nur einmal, sondern viele Male, ließ mich klebrig süßen Sirup trinken, war enttäuscht, dass mein Blutzuckerspiegel innerhalb von 2 Stunden auf deutlich unter 100 fiel und erleichtert, als er feststellte, dass die Langzeitzuckerwerte die Toleranzgrenze um 0,1 Punkte überstiegen. Endlich was gefunden! Und dann noch diese hohen Blutfettwerte von über 300. Da halfen auch meine Argumente nicht mehr, dass wir grade 3 Wochen Besuch mit Grillen, Eisessen, Wein trinken und anderen ungesunden Wonnen genossen hatten. Erklärte ihm, dass ich meinen dicken Bauch auf zuviel Stress und Cortisol im Blut zurückführe. Dies konterte er mit der Bemerkung, dass er keinen verstärkten Haarwuchs an mir feststellen könne und ließ dabei meinen  Hinweis, dass ich mir täglich die Borsten am Kinn auszupfe, nicht gelten. Nein, er redete mir ins Gewissen, sprach von all den Folgeschäden, überzeugte mich nicht wirklich, bis er den Zaubersatz sprach: „Das Metformin wird Ihnen helfen, ihr Gewicht zu reduzieren“. Noch ein bisschen Recherche im Internet und ich entschied, dass ich diesem Medikament eine Chance geben werde.

Nach der ersten Woche der Einnahme stieg ich auf die Waage, und, oh Wunder!, sie zeigte 1,5 Kilo weniger!! Das versöhnte mit mit den Flatulenzen, an denen ich seit Einnahme jenes Medikaments leide, und brav wie ich bin, verzichtete ich weiterhin auf jegliche Form von Alkohol, wählte meine Speisen sorgfältig aus, vermied Zucker, tierische Fette und Weißmehl.

In der zweiten Woche verlor ich weitere 300 Gramm, doch dann kam dieser Morgen. Heute. Erwartungsfroh stieg ich auf meine Waage und erwartete meine Belohnung. Belohnung? Denkste!  100 g mehr als zu Beginn der Metformineinnahme, eine Gewichtszunahme von fast 2 kg. Ob ich wohl gefrustet bin?

Während des morgendlichen Staus hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich frage mich, ob mein Arzt mir meine Prädiabetes nicht nur aufschwatzt. Sicherlich bin ich gefährdet und hohe Blutfettwerte sind nicht gut. Das sehe ich ein. Ich bewege mich zu wenig und esse zu viel.

Nichtsdestotrotz fühlte ich mich  bis zu meinen letzten Arztbesuchen  trotz kaputter Hüfte und Übergewicht recht wohl und gesund. Nun guckt mir bei jedem Bissen, den ich zu mir nehme noch ein „innerer Arzt“ über die Schulter, der alles, was ich esse kommentiert und nach dem gesundheitlichen Wert beurteilt. Nicht nur danach fragt, ob es viele Kalorien enthält, sondern mich auch darauf hinweist, dass dieses Nahrungsmittel gesättigte Fettsäuren enthält und jenes Nahrungsmittel zu wenig Ballaststoffe und zu viele einfache Kohlenhydrate hat.

Nun kreisen meine Gedanken nicht nur ums Gewicht, sondern auch um alle möglichen schrecklichen Konsequenzen falscher Ernährung. Ich soll in ein Disease Management Programm – muss ich mich jetzt als chronisch kranker Mensch sehen? Wegen geringfügig erhöhter Blutzuckerwerte am Morgen? Ist dieses Metformin wirklich gut für mich oder mute ich meinem Körper etwas zu, das er eigentlich gar nicht braucht? Sind meine Blutfettwerte wirklich so schlecht, obwohl ich mehrmals in der Woche Fisch esse und Nüsse und ganz viel Olivenöl verwende? Ganz viel Obst und Gemüse esse?

Ich bin verwirrt, verunsichert, frustriert. Während ich mich heute morgen mit tausenden von Pendlern die Autobahn entlang schob, fasste ich den Entschluss,  Metformin  und gesunder Ernährung drei Monate lang eine Chance zu geben. Wenn es mir dann deutlich besser geht, mache ich weiter, wenn nicht…. weiß ich nicht. Warum bin ich überhaupt zum Arzt gegangen, wenn ich mich doch eigentlich ganz gut fühlte?