Psychische Erkrankungen

Die Gefühle und die Probleme psychisch kranker Menschen sind keinem von uns fremd.

Angst, Selbstbezogenheit, mangelndes Selbstwertgefühl, Selbstzweifel, Selbsthass, Wut, Groll, Trauer, Hoffnungslosigkeit hat jeder von uns in der einen oder anderen Lebensphase schon einmal erlebt. Jeder  von uns kennt  z. B.  Angst. Angst ist wichtig, sie mahnt uns zur Vorsicht. Angst, ohne Anlass, Angst, die so groß ist, dass sie uns handlungsunfähig macht, Angst, die zur Panik wird, uns verschlingt und auffrisst, die erleben die meisten von uns zum Glück nie oder nur für kurze Momente. Ein psychisch kranker Mensch, der an einer Angsterkrankung leidet, erlebt dieses Gefühl sehr oft. Die Angst ist so groß, dass manche ihre Wohnung kaum mehr verlassen können oder nicht in der Lage sind, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Wer kennt das nicht? Man ist auf dem Weg zur Arbeit und plötzlich schießt uns der Gedanke durch den Kopf „habe ich eigentlich das Bügeleisen abgestellt?“ Am liebsten würden wir umdrehen und nachgucken. Meist lassen wir das, beruhigen uns, dass selbst wenn das Eisen an ist, nicht viel passieren kann und vergessen den Vorfall ganz schnell. Es gibt Menschen, die können das nicht. Die stehen morgens um Vier auf, damit sie alle Zwangsrituale vor der Arbeit durchführen können.

Ich kenne eine Frau, die vor dem .Verlassen des Hauses mindestens fünfmal kontrollieren musste, ob alle Geräte ausgeschaltet, die Fenster geschlossen, die Milch im Kühlschrank steht usw..  Eine andere musste auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto immer wieder umkehren, um sich zu vergewissern, dass sie den Radfahrer, den sie überholt hatte, nicht doch angefahren hatte. Zwangsgedanken treiben sie zu solcher Handlung. Auch wenn sie weiß, dass sie niemanden verletzt hat, kommt ihr der Gedanke „was wenn Du den Radfahrer umgefahren hast und es nicht bemerkt hast?“ Der Gedanke ist mit abgrundtiefer Angst verbunden.

Selbst wenn diese Menschen es bis zur Arbeit schaffen, scheitern sie dann oft doch im Job, weil sie auch da viel zu langsam sind, auch im Job alles  kontrollieren müssen  oder der Gang zur Toilette ewig dauert. Irgendwann reichen die Kräfte für so ein Leben nicht mehr. Zwangserkrankungen und Angsterkrankungen sind eng miteinander verbunden. Viele Zwänge wehren Ängste ab.

Wir alle  habenunsere grauen Tage, an denen wir zu nichts Lust haben, an denen uns die Welt trist erscheint, unsere Freunde als anstrengend und die tägliche Arbeit als mühevoll. Wir kommen über diese Tage hinweg. Müssen uns vielleicht ein wenig ausruhen, mal wieder was Schönes machen, eine Auszeit nehmen und unsere Stimmung hebt sich wieder. Ein depressiver Mensch bleibt im grauen Schleier gefangen. Schlimmer noch, so manch einer fällt in die Dunkelheit, kann gar nichts mehr empfinden, selbst die Angst ist verstummt und der Körper so  schwer, dass das Aufstehen die Kräfte übersteigt.

Psychische Erkrankungen sind grausam, sie zerfressen die Seele. Das, was wir für einen kurzen Moment oder in einem für uns noch erträglichem Maße fühlen, empfindet ein psychisch kranker Mensch ständig oder im Extrem. Im schlimmsten Fall sowohl ständig als auch extrem. Nicht jeder schafft es, die Hilfe zu finden, die er braucht. Es fehlen Therapieplätze.

Einige Krankheiten machen nicht nur dem Erkrankten selbst Angst, sondern auch seinen Mitmenschen. Wenn jemand Stimmen hört, überzeugt ist, dass etwas oder jemand ihm Böses will, wenn der Kontakt zur Realität komplett verloren geht, dann kann der Versuch, sich einzufühlen  unsere eigenen Grenzen in Frage stellen. Ohne Medikamente sind diese Erkrankungen nur in wenigen Ausnahmefällen in den Griff zu bekommen. Die Medikamente haben jedoch Nebenwirkungen. Manche Menschen nehmen stark zu, wirken verlangsamt oder zeigen nur wenige Gefühlsregungen. Sie haben es schwer, diese Menschen, aber auch sie gehören zu uns und verdienen es, nicht als Kranke, sondern als Mitmenschen angenommen zu werden.

Denn neben kranken oder geschädigten Anteilen hat jeder ganz viele gesunde Anteile, die es wahrzunehmen und zu stärken gilt. Auf der Arbeit ertappe nicht nur ich mich dabei, mich zu sehr auf die kranken Anteile zu konzentriere und dabei die Ressourcen unserer Klienten zu übersehen. Das tut niemanden gut. Wenn wir uns auf die Schwächen konzentrieren, bestärken wir sie und produzieren Misserfolge.

Im Laufe der Jahre konnte ich beobachten, dass die Menschen, die ihre Aufmerksamkeit darauf richten,  wie man gesund leben kann, was man selbst für sein eigenes Wohlbefinden und persönliches Wachstum tun kann, besser mit ihren Erkrankungen zurechtkommen, als diejenigen, die die Verantwortung für ihre Genesung an Therapeuten und Medikamente abgeben.  Wie bei allen Erkrankungen können Ärzte und Therapeuten nur den Weg zur Genesung weisen, gehen muss ihn jeder selbst. Wer seine Medikamente nicht nimmt, nicht daran arbeitet, krank machende Einstellungen und Glaubenssätze zu erkennen und durch gesunde zu ersetzen, sich nicht traut, einmal neue Verhaltensweisen zu erproben, bleibt meist in seiner Krankheit gefangen. Er kreist nur um sich selbst und nimmt gar nicht mehr wahr, was das Leben für wunderbare Chancen und Möglichkeiten bietet, wie viel Gutes es auch für ihn bereithält.

Besonders berühren mich Menschen, die in früher Kindheit traumatisiert wurden. Ihre Seelen sind zerbrochen und zersplittert, bestehen aus vielen Fragmenten, die sie  oft mühsam zusammen halten und die oft doch  die kleinste Erschütterung wieder einstürzen können. Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen, die (so früh) im Leben schon  Unerträglichem ausgeliefert waren  und häufig mutig und verzweifelt darum kämpfen, ein normales Leben zu führen. Das Erlernen gesunder Glaubenssätze ist auch für sie wichtig, aber sie brauchen vor allem absolute Verlässlichkeit, Annahme und Akzeptanz, um langsam wieder Vertrauen in andere Menschen und das Leben zu gewinnen. In meinen Berufsjahren habe ich grade diese Menschen mit einer ungeheuren Kraft für ihr Leben kämpfen und große Fortschritte in der Genesung erreichen sehen.

Ich bin weder Psychologin noch Therapeutin, meine Kontakte zu unseren Klienten sind eher oberflächlich, doch erlebe ich ihre Entwicklung mit und immer wieder bringt  die Begegnung  mit ihnen einen Teil in  mir selbst zum Klingen und so mancher Artikel, den ihr hier lest, ist ein Nachhall davon.

Noch mehr Gedanken zum Thema Kreativität

“Kreativität” umweht ein Hauch des Besonderen. Kreative Menschen werden bewundert, sie sind Schauspieler, Musiker, Maler oder Sterneköche. Ihre Handwerkskunst ist herausragend, sie sind in der Lage, Gefühle und Stimmungen auszudrücken und uns die Welt aus anderer Perspektive näherzubringen. Sie sind Künstler.

Wir nehmen an, dass in den “Kreativen  Berufen” ,in der Werbebranche, im Design, der Produktion von Musikvideos oder der Entwicklung von Spielen Menschen beschäftigt sind, die über ein besonders hohes Maß an Kreativität verfügen. Wer sich zu dieser Gruppe zählen darf, dem umgibt ebenfalls ein Hauch des Besonderen.

Dabei vergessen wir, dass Kreativität auf allen beruflichen Ebenen ihren Ausdruck finden kann. Da gibt es den Konditor, der seine Torten besonders ausgefallen dekoriert, den Pädagogen, der ungewöhnliche Methoden findet, seine unruhige Klasse zur Mitarbeit zu bewegen, den Landschaftsgärtner, die die Farben der Pflanzen ungewöhnlich kombiniert, oder die Servicmitarbeiterin, die die Patienten der Rehaklinik durch kleine Gesten erfreut. Überall gibt es die Möglichkeit, den Ort, an dem wir sind, ein kleines bisschen mitzugestalten. Als ich in der Reha war, habe ich mich z. B. ganz besonders über die liebevolle und kreative  Art der Servicedame gefreut, die meinen Pyjama immer wieder neu gefaltet hat:

Schmetterling
Schmetterling
Das gibt ein gutes Gefühl
Das gibt ein gutes Gefühl

Je mehr wir unsere beruflichen Tätigkeiten als Aufgabe verstehen, die wir gestalten,  und je mehr Freude wir an unserem Beruf haben, desto leichter fällt es uns, auch hier unsere Kreativität zu leben.

Jedem von uns wohnt Kreativität inne, aber nur die wenigsten von uns trauen sich, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen oder sich selbst als kreativ zu bezeichnen. Die Meßlatte hängt zu hoch, denn nur was qualitativ hochwertig, ungewöhnlich und einzigartig erscheint, gilt als kreativ.  Die Bewertung kreativer Arbeit erstickt die Entfaltung unserer Kreativität schon im Keim. Da gestalten wir lieber unseren Garten, wie die Nachbarn es auch tun, folgen penibel jedem Rezept, singen nur unter der Dusche und  malen nach Zahlen,  statt unsere eigenen schöpferischen Kräfte zu nutzen.

Ich wünsche uns allen den Mut, unserer Kreativität im Alltag und im Beruf wo immer möglich Ausdruck zu verleihen. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis und bereichert oft auch das Leben anderer Menschen.

Nun, es ist bekanntlich alles leichter gesagt als getan. Um Ideen zu entwickeln, den Impuls zu bekommen, etwas neu zu gestalten bedarf es vor allem eins: Muße. Unter Zeitdruck oder wenn der Kopf voll mit Alltagsproblemen ist , geht unsere Kreativität schnell verschüttet. Wir müssen ihr Raum geben, sich zu entfalten. Auch im Alltag.

Wir müssen ihr aber auch zuhören. Wie oft haben wir eine tolle Idee, den Impuls, etwas zu gestalten und lassen dann zu, dass diese Energie im Sande verläuft. Manchmal blockieren uns auch unsere inneren Schweinehunde: dann erscheint es zu aufwändig, dies oder jenes zu tun oder sich abends tatsächlich noch mal hinzusetzen, um  zu nähen oder zu malen. Doch es lohnt sich, den inneren Schweinehund nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, denn auch wenn wir erstmal eher lustlos an eine Sache herangehen, passiert es oft, dass das Tun unsere Kreativität wieder wachrüttelt und sie zu fließen beginnt.

Übrigens, ich weiß selbst nicht, warum das Thema Kreativität mich diese Woche so gar nicht los lässt. Vielleicht liegt es daran, dass ich angefangen habe, Malstunden zu nehmen? Ich bin selbst überrascht, wie glücklich ich mich beim Malen fühle.