Der schlimmste Stress ist der, den wir uns selber machen
Manchmal kommt es mir vor, als sei jeder, dem ich begegne, von Stress geplagt und dem Burn-out nahe.
Das tröstet mich ein wenig, denn ich selbst fühle mich seit Monaten ausgelaugt, muss mich zwingen mich, auf der Arbeit das allernotwendigste zu erledigen und als Leitung präsent zu sein und zuhause habe ich Lust zu gar nichts, will einfach nur meine Ruhe. Gönne ich mir diese, plagt mich das schlechte Gewissen.
Neulich, in der Mittagspause, kam das Thema auf Stress und die zunehmende Zahl von Burn-out-Patienten.
„Kein Wunder“, meinte eine unserer Psychologinnen. „Die meisten Menschen setzen sich selbst unter Druck. Wenn sie nicht perfektionistisch sind, dann haben sie Ansprüche an ihr Leben und ihre Leistungen, die unerreichbar sind. “
Es folgte ein lebhafter Austausch über Stressoren und einer gesunden Work-Life-Balance, die ich nicht bis zum Ende verfolgte, weil der nächste Termin schon wartete.
In den darauffolgenden Tagen nagte die Frage nach meinen eigenen Ansprüchen an mir und heute Morgen, beim Kaffeetrinken, machte ich eine Liste:
- ich will meinem Vollzeitjob gerecht werden und eine gute Leitung sein
- ich will am liebsten all meinen Hobbys nachgehen: malen, schreiben, stricken, lesen, Neues lernen und Online Kurse zu Kunstgeschichte und Coaching wahrnehmen
- ich will auf meine Gesundheit achten: Sport machen, meditieren, mich gesund ernähren
- ich will mich gut um meine sehr betagte Mutter kümmern und um meine Lieblingstante und ihren Mann
- ich will eine richtig gute Großmutter sein, die Zeit für ihre Enkel hat und immer für sie da ist
- ich will mein Haus gut in Schuss halten und es soll immer sauber und aufgeräumt bei mir sein
- ich will meinen Garten in Ordnung halten
- ich will eine gute Freundin sein und meine Kontakte pflegen
- ich will etwas erleben und neue Orte kennenlernen, neue Erfahrungen machen
- ich will wissen, was in der Welt geschieht, und ein politisch wacher Mensch sein.
- und, fast hätte ich es vergessen, ich will auch noch für meinen Partner da sein und Zeit mit ihm verbringen.
Beim Betrachten dieser Liste, die noch nicht mal vollständig ist, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: mein Tag müsste 48 Stunden haben und meine Schlafdauer max. 6 Stunden betragen, um all diesen Ansprüchen gerecht zu werden.
Kein Wunder, dass ich ständig unzufrieden mit mir selbst bin und mich gestresst fühle. Ich halte mir immer nur vor, was ich nicht schaffe, habe ein schlechtes Gewissen, weil ich wieder mal nur mit meiner Mutter telefoniert habe, statt sie zu besuchen oder dass ich faul auf der Couch gelegen habe und einen Krimi gelesen habe, statt produktiv zu sein und ein Bild zu malen.
Es kann immer nur ein Entweder – Oder geben: entweder ich besuche meine Mutter oder ich male zwei Stunden und telefoniere mit ihr. Und das ist in Ordnung!
Es ist toll, dass es so viele Menschen in meinem Leben gibt, die mir wichtig sind. Es ist großartig, dass ich so viele Interessen und Hobbys habe.
Es ist gut, dass ich einen anspruchsvollen Job habe, den ich mag.
Doch statt anzuerkennen, was ich alles so schaffe – ich habe letzte Woche einen Tag Urlaub genommen, weil mein Sohn keine Kinderbetreuung hatte – und mir auch einfach nur mal Ruhe zu gönnen, bin ich unzufrieden mit mir und werfe mir vor, faul und träge zu sein und nicht aktiv genug zu sein.
Ausgerechnet ich, die ihren Klienten immer wieder rät, sich selbst keinen Druck zu machen, bin eine Meisterin darin, genau dies zu tun.
Meine Zeit und meine Energie sind jedoch nicht unerschöpflich. Wenn ich tagsüber meine Energie im Job lasse, dann reicht es abends eben nur noch für den Krimi und das Sofa.
Ich kann mich auch mit meiner Mutter zu Klönen treffen und dabei stricken und vielleicht hat meine Freundin ja Lust, mit mir zum Sport zu gehen?
Es ist an der Zeit, mir nicht nur einfach Nichts-tun zu gönnen, sondern mir vor Augen zu halten, was ich so alles neben meinem Job noch wuppe. Gerade schreibe ich einen Artikel für meinen Blog, danach bin ich mit meiner Mutter zu einem Spaziergang verabredet und heute Abend werde ich etwas Schönes für mich und meinen Partner kochen und einen guten Film gucken – das ist doch ein erfüllter Sonntag, oder? Da kann das Unkraut ruhig noch eine Woche wachsen. Heute ist was anderes dran.