Angelika

Samstagmorgen. Ich blättere in der Zeitung. Eine Anzeige fällt mir ins Auge. Angelika K., geborene W.,  * 23.06.58, gestorben vor wenigen Tagen.  Mein Magen krampft sich zusammen, ich bin erschrocken, dann traurig. Ich habe seit über 40 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr und doch war sie ein wichtiger Mensch für mich. 

Angelika. Sie war meine allerbeste Freundin als ich 12, 13 Jahre alt war. Ich lernte sie zu Beginn der 7. Klasse kennen.
Sie hatte dunkelblonde Haare und ein schmales Gesicht. Oft trug sie braune Cordhosen und einen beigen Wollpullover. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie wir Freundinnen wurden, aber eine Zeitlang waren wir unzertrennlich.

Ich war gern bei ihr zuhause. Sie hatte ein eigenes Zimmer.  Ihre Mutter half uns bei den Hausaufgaben.  Sie hatte einen großen Bruder und eine kleine Schwester und eine Tante, die Fürsorgerin war. So nannte man damals Sozialarbeiter. Ich erinnere mich, dass sie mich einmal  fragte, was ich später werden möchte und als ich ihr antwortete, dass ich auch gern Sozialarbeiterin werden wollte, riet sie mir vehement davon ab.

Mit Angelika teilte ich all meine Gedanken und Träume und die Grauen der Vorpubertät. Wir hörten David Cassidy und Donny Osmond und schwärmten uns von dem Jungen vor, in den wir uns verguckt hatten. Ich wohnte in der Nähe der Schule und oft kam sie morgens bei mir vorbei um ihren braven Pullover gegen einen kurzen, der beim Bücken den Rücken freigab, zu tauschen. Das war damals sehr modern, aber von den meisten Eltern verboten.

Sie wohnte in der Nähe der Ilmenau und eines Tages vergruben wir am Fluss eine Blechdose.  In dieser hatten wir Symbole unserer Freundschaft gelegt, denn zu dem Zeitpunkt glaubten wir fest, dass wir lebenslang Freundinnen sein würden. 

Angelika hatte Geigenunterricht und ging zum Reiten. Ihre Eltern fuhren sie in einem großen Volvo-Kombi zur Reithalle und ich schaute ihr einmal  beim Training zu. Ich wäre selbst gern geritten, aber dafür reichte zuhause das Geld nicht. Manchmal stritten wir uns über Musik. Sie mochte klassische Musik, die bei uns zuhause nie gespielt wurde. Ich sagte ihr, dass ich klassische Musik doof finde, aber in Wirklichkeit erweckte sie Gefühle in mir, die mir Angst machten. 

Irgendwann, als aus Schwärmereien die ersten richtigen Liebeleien mit Jungs geworden waren, drifteten wir auseinander. Nicht lange danach verließ sie die Schule. Wir hielten keinen Kontakt. 

Seit ich wieder in Lüneburg lebe, erinnere ich mich wieder mehr an meine Kindheit und Jugend. Bei einem Spaziergang dachte ich erst vor ein paar Wochen an Angelika und unsere Kiste.

Die Traueranzeige ist liebevoll gestaltet. Sie war wohl  schwer krank, es wird um Spenden an die Krebshilfe gebeten. Sie war verheiratet und hatte drei Kinder. Ihre Schwester lebt noch, aber der Name ihres Bruders  fehlte.

Ich stelle mir vor, dass sie ein glückliches Leben hatte. 

Nicht weit von hier müsste die kleine Kiste noch in der Erde liegen

Bloggen mit 87

Ich wäre gern wie sie. Geistreich, scharfsinnig und hochintelligent.

Nina Mishkin ist jetzt 87 Jahre alt und lebt in Florida. In ihrem Blog blickt sie auf ihr bewegtes Leben zurück. Sie bloggte bis vor kurzem unter  ‚The getting old blog‘, den sie nun, nach einer schweren Herzerkrankung in den ‚On being old blog‘ umbenannt hat.

Anders, als der Name vermuten lässt, schreibt Nina nicht nur über das Altern  und alt sein, sondern lässt uns an ihrer Lebenserfahrung teilhaben. Und davon hat sie reichlich. Der Einblick, den sie uns schenkt, ist gleichzeitig auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Werte und Normen der vergangenen Jahrzehnte und spannende Zeitgeschichte. Dabei schreibt sie elegant und humorvoll und scheut  vor keinem Tabuthema zurück. Wenn ihr gern englischsprachige Blogs lest, werdet ihr hier viel Spannendes finden:

https://ninamishkin.com/

 

 

 

 

Der Sozialpädagoge oder wie viel Misstrauen ist angebracht?

Gespräch am ersten  Arbeitstag:

„Ich möchte ehrlich mit Ihnen sein. Ich musste meinen letzten Arbeitsplatz verlassen, weil Eltern sich gegen mich gewendet haben.“

„Eltern aus der Kirchengemeinde?“

„Ja, sie hatten von der Geschichte in M. gehört. ‘“ Der Sozialpädagoge hatte vorher in einem Kinder- und Jugendhaus in M. gearbeitet, war dann nach Hamburg gezogen und hatte hier einen Arbeitsplatz in einer Kirchengemeinde gefunden, wo er die Konfirmanden und die Pfadfindergruppe betreute. In seiner Bewerbung stand, dass  sein befristeter Vertrag auslief und er gern mit Erwachsenen arbeiten wollte.

„In M. habe ich als Fußballtrainer  eine Gruppe von 10 – 12-jährigen Mädchen betreut und eine von denen hat sich in mich verliebt. Sie glauben ja gar nicht, wie frühreif die Kinder heute sind. Die kennen sich mit Dingen aus und machen einen an, das kann man gar nicht glauben.“

Mir schwant schon, was kommt.

„Dieses Mädchen wollte sich an mich ranmachen, hat mir dauernd Nachrichten geschickt und immer meine Nähe gesucht. Ich habe ihr natürlich gesagt, dass das nicht geht. Sie war total wütend und hat ihren Freundinnen erzählt, dass ich hinter ihr her bin und die haben das ihren Eltern erzählt. Dann haben alle angefangen, ihre Kinder auszufragen, und die haben dann alle gesagt, dass ich sie immer komisch anstarre.  Die Eltern haben  sich dann bei der Gemeinde über mich beschwert und obwohl die mir glaubten, dass da nichts war,  konnte ich da nicht mehr bleiben. Deshalb bin ich dann wieder nach Hamburg gezogen, in die Nähe meiner Eltern und hab die Stelle in der Diakonie angenommen.“

Mir ist nicht wohl zumute, als der Sozialpädagoge mir diese Geschichte erzählt. Seine Arbeitszeugnisse waren in Ordnung und der Pastor der Gemeinde hat ihm eine Referenz gegeben. Er schildert die Geschichte sehr sachlich, wirkt aufrichtig und ein wenig bekümmert.

„Meine Frau hat zum Glück immer zu mir gehalten. Wir erwarten im November unser erstes Kind und auch unser Pastor steht fest auf meiner Seite. Trotzdem kann es sein, dass ich noch mal nach M. muss, weil die Eltern, als sie rausgefunden haben, wo ich jetzt arbeite, die Gemeinde in Hamburg angeschrieben haben und  denen erzählt habe, dass ich auf kleine Mädchen stehe.  Deshalb wurde mein Vertrag nicht verlängert und ich habe eine Klage wegen Verleumdung erhoben und muss vielleicht noch mal zur Verhandlung runter.“

„Ich wollte, dass Sie das wissen, weil mir Ehrlichkeit wichtig ist“. In diesem Fall hätte ich es lieber nicht gewusst.  Die Geschichte könnte wahr sein, und ich bin froh, dass wir seine Stelle befristet haben.

Der Sozialpädagoge macht einen guten Job. Er ist sehr beliebt bei den Kollegen, die Klienten respektieren und mögen ihn. Drei Monate nach der Geburt seiner Tochter bringt seine Frau Kuchen vorbei. Ich bin überrascht, wie jung sie  ist. Gerade mal 21 ist sie und  trägt eine altmodische Brille. Sie sagt kaum was, wenn man sie anspricht,  sondern überlässt es ihrem Mann das Kind zu präsentieren und sich für das Geschenk zur Geburt zu bedanken. Der strahlt – ganz  der stolze Papa.

Das Projekt für die alkoholkranken Männer wird nicht verlängert, somit endet sein Vertrag nach einem Jahr.  Er findet sofort eine neue Stelle in der Familienhilfe.

Ich denke nicht mehr an ihn, bis er ein Jahr später plötzlich in meinem Büro auftaucht.

Er fragt nach einem Job. Ich hake nach, warum er nicht mehr in der Familienhilfe arbeiten will.

Er erzählt mir, er sei zum Prozess in M. gewesen. Dort habe man ihn wegen  sexueller Belästigung angezeigt. Um den Mädchen die Aussagen vor Gericht zu ersparen, habe er alles zugegeben, obwohl die Anschuldigungen einfach eine Lüge waren. Nun sei er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, müsse eine Therapie machen und dürfe keinen Job mehr machen, bei dem er mit Kindern in Berührung käme.

„Mein Vater hat mich begleitet. Sonst hätte ich das alles nicht geschafft.“

Ich habe Mühe, ihm nicht in den Schritt zu starren. Seine Hosennaht ist geplatzt und eine weinrote Unterhose blitzt hervor.

Ich teile ihm mit, dass wir keine Stellen zu besetzen haben und verabschiede ihn so schnell wie möglich. Dann setze ich mich an den Rechner und Google präsentiert  mir innerhalb von Sekunden einen Artikel aus dem Städtischen Anzeiger von M. Ich erfahre, dass ein Sozialpädagoge nach dem Training regelmäßig in die Duschen der Mädchen kam und nach dem Training gern Strip Poker gespielt hat. Einige Mädchen hat er berührt und er hat mehrfach versucht, die Kinder zu sich nach Hause zu locken.

Er hat eine Haftstrafe von 1,5 Jahren auf Bewährung bekommen. Der Artikel endet mit der Bemerkung, dass der Sozialpädagoge die Aussagen der Mädchen weiterhin als Lüge bezeichnet.

In den darauf folgenden Jahren muss ich hin und wieder an den Sozialpädagogen denken und ich frage mich, was aus ihm und seiner Frau geworden ist.  Von einer Mitarbeiterin, die noch Kontakt zu ihm hat, erfahre ich, dass er und seine Frau ein zweites Kind bekommen haben und er jetzt in einer Senioreneinrichtung arbeitet. Sie sind nach Schleswig-Holstein aufs Land gezogen.

Dann, eines Tages, als ich durch die Seiten einer großen schleswig-holsteinischen Zeitung surfe, fällt mein Blick auf eine Reportage über einen Prozess in Lübeck. Ein wegen sexuellen Missbrauchs vorbestrafter Sozialpädagoge, dessen Initialen mit den gleichen Buchstaben beginnen wie unser ehemaliger Mitarbeiter, ist zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Seine Frau überraschte ihn, als er an der sechsjährigen Tochter und der en Freundin sexuelle Handlungen vornahm.

Im Prozess,  lese ich,  schiebt der Angeklagte die Schuld auf seine  Frau. Da diese seine Vergangenheit kannte, hätte sie  ihn nicht mit den Mädchen allein lassen dürfen, sondern ihm helfen müssen, nicht in Versuchung zu geraten.

Das Böse verbirgt sich manchmal hinter einer freundlichen Maske. Es spielt sich im idyllischen Häuschen im Grünen ab, in der norddeutschen Kleinfamilie. Den Sozialpädagogen habe ich nie vergessen können. Er hat mir deutlich gemacht, wie aufrichtig Lügen erscheinen können und wie schwer es ist, hinter eine Fassade zu blicken.