Käthe

Käthe kam 1901 in einem kleinen Dorf bei Lüneburg zur Welt. Ihre Eltern waren Landarbeiter und hatten es mit viel Fleiß zu einem eigenen kleinen Hof geschafft, den sie nach Feierabend bewirtschafteten

1915 brach sich Käthe ein Bein. Es war Krieg, die Ärzte waren eingezogen und der Bruch verheilte schlecht. Fortan hinkte Käthe.

Käthes Vater blieb im Krieg und ihre Mutter bewirtschaftete den Hof nun mit Käthes Brüdern, die von da an das Sagen hatten. Käthe durfte eine Lehre zur Hutmacherin machen. Die Brüder fürchteten, dass sie keinen Mann abkriegen würde. Die waren knapp nach dem Krieg und die Brüder hielten es für undenkbar, dass sich einer die hinkende Käthe aussuchen würde.

Käthe zog in die Stadt und lebte fortan zur Untermiete bei einer Kaufmannsfamilie. Diese schätzte ihre brave und ruhige Untermieterin und bis zur Schließung Feinkostgeschäfts kaufte Käthe dort Honig und Wurst.

Die Befürchtungen ihrer Brüder schienen sich zu bewahrheiten. Nach der Lehre arbeitete Käthe als Modistin und unternahm mit ihren Freundinnen lange Wanderungen durch den Harz. Sie ging tanzen und pflegte Herrenbekanntschaften, aber niemand hielt um Käthes Hand an. Es gab einen Mann, der  sie wohl sehr mochte, aber der wanderte 1930 nach Südafrika aus, und Käthe brachte es nicht über sich, ihre Heimat zu verlassen.

Während Käthe ein zurückgezogenes Leben als „spätes Mädchen“ führte, gründete Johann nur wenige 100 Meter von ihr entfernt eine Familie. Er hatte sich in eine schwarzhaarige, temperamentvolle Köchin verliebt, sie nach wenigen Wochen des Hofierens geheiratet und gleich darauf einen Sohn, Hans,  mit ihr gezeugt. Er war rasend glücklich mit ihr, bis er eines Tages einen großen schwarzen Fleck auf ihrem Rücken entdeckte. Wenige Monate danach verlor er seine schöne Frau an den Krebs. Hans war grade 14 Monate alt.

Käthe und Johann wurden durch Bekannte zusammen gebracht.  Käthe war nun schon knapp über dreißig und hatte den Traum an die große Liebe längst aufgegeben. Johann brauchte eine Mutter für Hans. Sie heirateten im Stillen.

Zwei Jahre nach der Hochzeit brachte Käthe einen Sohn zur Welt, Harald. Käthes Brüder zahlten ihr für ihren Teil an Hof und Land 5000 Reichsmark aus, und Johann und sie bauten ein bescheidenes Haus am Stadtrand. 1939 zogen sie dort ein. Wenige Monate danach zog Johann in den Krieg. Er kam zwei Jahre später mit einer kaputten Lunge zurück und arbeitete den Rest des Krieges als Koch im Landeskrankenhaus.

Hans wuchs in dem Glauben auf, dass Käthe seine leibliche Mutter sei und Johann unterband jeden Kontakt zur Familie der leiblichen Mutter. Käthe sorgte sich beständig, dass ihr jemand den Vorwurf machen könnte, ihren eigenen Sohn dem Stiefsohn vorzuziehen. Deshalb erhielt Hans stets als erster sein Essen und wurde über alle Maßen gelobt, während sie Harald oft kritisierte und streng mit ihm war. Hans war 15, als ihm Nachbarn erzählten, dass Käthe gar nicht seine Mutter war. Hans war zutiefst verletzt und machte Käthe bittere Vorwürfe.  Danach bemühte sich Käthe noch mehr um Hans. Harald wurde immer stiller und Johann hielt sich aus der Sache raus.

Nach dem Krieg wurde es eng im Haus von Hans und Käthe. Sie mussten eine englische Offiziersfamilie bei sich aufnehmen. Kaum war diese wieder fort, heiratete Hans und zog mit seiner Frau Roswitha und Sohn Klaus ins Obergeschoss. Kurz danach schwängerte Harald seine Ursel und musste heiraten. Die junge Familie zog in ein kleines Zimmer im Untergeschoss. Nicht einmal ein Jahr später kam ein zweites Kind und Hans und Roswitha verspotteten das junge Paar, das wohl zu dumm war, um „aufzupassen“. Käthe und Johann machten Vorwürfe.

Hans hatte eine gute Stelle als Maler und Käthe war stolz auf ihn. Harald hingegen bereitete ihr Kummer. Er ging gern aus und spielte und eines Tages stand sein Chef vor der Tür und teilte ihr mit, dass ihr Sohn Geld unterschlagen hatte. Damit Harald nicht ins Gefängnis musste, zahlten sie und Johann die unterschlagene Summe zurück, aber Käthe schämte sich fürchterlich und sorgte sich mehr als zuvor, was wohl die Leute über sie denken könnten. Rechts und links von ihr wurden neue Häuser gebaut. Der Besitzer einer Schneiderei zog ein und gegenüber wohnte ein Beamter in gehobener Laufbahn. Sie hatte nur ein kleines Haus und das Geld reichte nicht für ein Auto. Sie schämte sich ihrer einfachen Verhältnisse. Obwohl sie froh war, dass Ursula sich um den Haushalt kümmerte, hätte sie sich doch eine andere Schwiegertochter gewünscht. Ursula hatte sieben Geschwister und ihr Vater war Kraftfahrer. Sie wollte diese Leute nicht in ihrem Haus haben und untersagte Ursula ihre Familie einzuladen.

Hans zog Anfang der 60iger Jahre in ein Reihenhaus. Er hatte sein Handwerk aufgegeben und arbeitete als Automobilverkäufer. Seine Frau hatte sich eine Stelle im Kaufhaus gesucht und beide waren gemeinsam im Schützenverein aktiv.

Johann ging fast zur gleichen Zeit in Pension und kümmerte sich nun um den Garten. Oft nahm er seine kleine Enkelin mit zum Einkaufen oder las ihr Märchen vor. Im Haus war nun mehr Platz und Harald zog mit seiner Frau und den Kindern ins Obergeschoss, wo sie zwei Zimmer und eine winzige Küche für sich hatten.

Käthe und Johann fuhren einmal im Jahr mit Käthes Bruder und dessen Frau in Urlaub. Sie reisten ins Berchtesgadener Land und an den Bodensee, einmal sogar nach Italien. Es waren ruhige Jahre für Käthe. Sie kochte das Mittagessen für die Familie, besuchte die alte Dame im Nebenhaus, traf sich mit ihrer Kusine und dessen Mann zum Skat spielen und samstags kamen stets die Kleemanns vorbei und es gab Kaffee und Kuchen in der guten Stube. Hinterher zogen sich die Männer zum Rauchen zurück.

Johann und Käthe schliefen, wie es sich gehörte, im gemeinsamen Schlafzimmer, aber sie tauschten keine Blicke, berührten sich nie und sprachen im sachlichen Ton nur über das Notwendigste.

1968 starb Johann. Käthe trug ein Jahr lang schwarze Kleider, aber weinte nicht.

Hans, Roswitha und Klaus kamen fortan nur noch zu  Feiertagen und Geburtstagen vorbei. Sie präsentierten ihr neues Auto, prahlten mit Klaus guten Schulnoten und Roswitha trug stets ein neues, schickes Kleid. Käthe strahlte, wenn ihr Stiefsohn zu Besuch kam, der Tisch wurde in der  guten Stube gedeckt und sie hielt stets ein Geschenk für Klaus parat.

Ursula kochte das Essen für diese Familienfeiern, so wie Käthe es ihr auftrug. Harald kam meist zu spät dazu und wenn er kam, hatte er eine deutliche Fahne. Hinterher schimpfte Käthe mit ihrem Sohn, sie schämte sich für ihn.

Haralds und Ursulas Kinder waren schon in der Schule und schliefen immer noch im Schlafzimmer der Eltern. Ursula bat Käthe, eines ihrer drei Zimmer aufzugeben. Käthe erinnerte Ursula daran, wem das Haus gehörte und Ursula musste lange bitten, bis Käthe schließlich ihre gute Stube aufgab.

Kurz nach Johann verstarb auch Herr Kleemann und Frau Kleemann zog zu ihrer Tochter nach Göttingen. Die alte Nachbarin war schon im Jahr zuvor verstorben und als auch die Kusine ging, hatte Käthe schließlich nur noch Kontakt zu ihren beiden Brüdern und deren Frauen.

Johann hatte Käthe eine ordentliche Pension hinterlassen und das Haus war bezahlt. Käthe kaufte sich einen Fernseher und abends schaute sie mit Ursula nun die Nachrichten und am Freitag „der Kommissar“. Harald kam immer erst spät und meist betrunken nach Hause, aber Käthe und Ursula taten, als sei das normal. Sie bezahlte Ursula den Führerschein, damit diese sie zu den Brüdern fahren konnte und sonntags ließ sie sich von Ursula und den Kindern zum Kaffee ausfahren. Sie liebte es, sich fein anzuziehen und in ein Café einzukehren. Später kaufte sie sich einen Rollstuhl, und Käthe oder die Enkel schoben sie dann durch den Vogelpark oder an der Ilmenau entlang. Sie kaufte sich einen Plattenspieler und hörte stundenlang Musik, während sie die Briefmarken sortierte, die sie zu sammeln begonnen hatte.

Harald verdiente wenig Geld und brachte einen guten Teil davon in die Kneipe. Wenn er oder Ursula mit dem Gedanken spielten, einmal allein zu verreisen oder am Wochenende etwas allein zu unternehmen, dann erinnerte Käthe die beiden daran, dass sie in ihrem Haus lebten und keine Miete zahlten, und sie ja wohl ein bisschen Dankbarkeit erwarten dürfe.

Ihren Garten ließ sie von einem Gärtner anlegen und pflegen.  An warmen Sonnentagen liebte sie es, im Garten zu sitzen und auf die vielen bunten und seltenen Stauden zu blicken. Ursula und die Kinder durften diesen Teil des Gartens nur unter ihrer Aufsicht betreten, sie zeigte dann mit dem Stock auf die Wildkräuter, die herausgezogen werden sollten. Ursula erhielt aber ein Stück Garten, in dem sie Gemüse anbaute.  An Regentagen blätterte Käthe durch die vielen bunten Kataloge, die sie sich schicken ließ. Die Jahre verstrichen ohne große Ereignisse. Ursula hatte begonnen, an drei Tagen in der Woche zu arbeiten und die Enkel wurden zu Teenagern und brachten Freunde nach Haus, was Käthe nicht immer gefiel. Die jungen Leute waren laut und das Knattern der Mopeds vorm Haus irritierte sie.

Käthes Gehbehinderung verursachte ihr Schmerzen und sie konnte sich schon lange nicht mehr bücken oder lange Strecken gehen. Wenn die Enkel ihr zu viel wurden oder Käthe und Harald daran dachten, allein zu verreisen oder gegen die Wünsche von Käthe zu handeln, wurden ihre Schmerzen unerträglich und sie blieb über Wochen im Bett liegen. Sie aß nicht mehr und der Arzt musste kommen. Er riet zu Ruhe und verschrieb Medizin. Wenn Ursula für genug Ruhe gesorgt hatten, besserte sich ihr Zustand langsam.

Nur einmal, da setzte sich Ursula durch und fuhr allein mit Harald nach Kroatien. Die Enkelin war da schon 18 und Käthe hatte ihr den Führerschein bezahlt, wofür sie dann mit Käthe spazieren fahren musste. Besonders gern ließ sich Käthe in den Orchideenpark fahren, wo sie seltene Pflanzen für ihr Wohnzimmer kaufte.

Ihre Enkelin ging nun mit einem jungen Beamtenanwärter und Käthe fing an, der Enkelin Bettwäsche, Handtücher, Geschirr, Kerzenständer und andere Haushaltswaren zu schenken. Diese trennte sich nach drei Jahren von dem netten jungen Mann und zog zum Studieren nach Süddeutschland. Die schönen Sachen verschwanden auf dem Dachboden. Zwei Jahre später, als auch der Enkel das Haus verlassen hatte, verwirklichten Harald und Ursula ihren Traum von der eigenen Kneipe. Sie verließen fortan  das Haus gleich nach dem Frühstück und kamen erst lange nach Mitternacht heim. Da war Käthe fast 80.

Im Haus war es nun still. Die Brüder waren verstorben und nur eine Schwägerin schaute hin und wieder bei Käthe vorbei. Eine Nachbarin bot an, Käthe einmal in der Woche Gesellschaft zu leisten, aber Fremde wollte Käthe nicht im Haus haben. Sie legte sich einen Wellensittich zu und hörte Schallplatten, mittags machte sie das Essen warm, das Ursula ihr kochte, und ab 20 Uhr guckte sie Fernsehen. Hans und Roswitha kamen selten zu Besuch, blieben aber nie länger als zwei Stunden. Klaus ließ sich nur Weihnachten blicken.

Käthes Enkelin lernte in Süddeutschland einen Mann kennen. Noch einmal plante Käthe eine Reise, zu einer Hochzeit. Sie bestellte sich ein schönes Kleid und neue Schuhe aus dem Katalog. Vier Wochen vor der Hochzeit erkrankte sie schwer und musste ins Krankenhaus. Dort erlitt sie einen Schlaganfall. Ursula besuchte sie jeden Tag und auch die Enkelin kam, um sich von Käthe zu verabschieden. Harald kam nie. Er blieb in der Kneipe und ertränkte seine Gefühle mit Korn und Bier. Hans und Roswitha hatten keine Zeit.

So gern wäre Käthe zu Hause gestorben. Aber Ursula hatte die Kneipe und der Enkelin fehlte die Traute und wahrscheinlich hätten die Ärzte es auch nicht erlaubt. Käthe starb im Alter von 84 Jahren, allein.

Käthe war meine Großmutter. Sie ist vor 34 Jahren verstorben. Nach ihrem Tod fanden meine Eltern Johanns Testament, in denen er ihnen die Hälfte des Hauses vermachte. Wie viel Angst vor dem Verlassen werden und wie wenig Vertrauen darin, dass wir uns auch um ihrer selbst willen um sie kümmern würden, muss Käthe gehabt haben, um die beiden zu hintergehen. Oft frage ich mich, wie es ihr in den letzten Jahren, die sie allein zwischen ihren Orchideen, Briefmarken und Schallplatten verbrachte, wohl erging. Fühlte sie sich einsam? War sie traurig darüber, wie ihr Leben verlaufen war? Sie sprach nie über ihre Erinnerungen oder ihre Gefühle, aber ich meine, viel Angst bei ihr gespürt zu haben und das Gefühl, nicht gut genug zu sein. 

 

Mein Held

Ich sehe ihn noch vor mir: ein kleiner Mann, nicht größer als 1, 65, mager, mit leuchtend orangen Haaren, und groben, schon  verblichenen Tätowierungen auf den Unternahmen und einer Gefängnisträne unter dem linken Auge. Er mag damals Anfang 40 gewesen sein. Ich arbeitete damals als Sozialpädagogin in einem Beschäftigungsprojekt für Langzeitarbeitslose.

Ohne Umschweife erklärte er mir, dass er Junkie sei, viele Jahre Heroin gespritzt habe und sich dadurch eine Hepatitis C eingefangen habe. Er sei seit einem Jahr drogenfrei, trinke auch keinen Alkohol mehr.

„Ich hatte genug von dem Scheiß“. Ohne Entzug? Ich glaubte ihm nicht.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich Herrn K. kennen. Er hatte keinen Beruf gelernt und hin und wieder Gelegenheitsjobs gehabt. Er  hatte gestohlen und gedealt und im Winter Tage und Nächte in der S-Bahn verbracht.  Mindestens 5 Jahre seines Lebens hatte er im Knast verbracht. Seine Schulden fürs Schwarzfahren beliefen sich auf fast 3000 DM. Außerdem hatte er Schulden beim Arbeitsamt, und bei den Elektrizitätswerken.  Er war postalisch bei einer Einrichtung für Wohnungslose gemeldet.

Zu unserem Programm gehörten auch Fortbildungsangebote und wir fanden schnell heraus, dass Herr K. weder richtig lesen noch schreiben konnte. Auch mit Rechnen hatte er es nicht so.

Herr K. erschien jeden Tag pünktlich.    Er wolle jede Art von Arbeit annehmen, beteuerte er, und er hielt sein Wort. Wir fanden schnell einen Job  in einem Lagerhaus im Hafen. Schwere körperliche Arbeit, aber  Herr K. erwies sich als  zäh und hielt sich für nichts zu schade.  Er sollte eingestellt werden. Damals gab es noch keine Privatinsolvenz und Herr K. hatte wegen seiner vielen Schulden Gehaltspfändungen zu erwarten.

Damals war soziale Arbeit noch einfacher und ich konnte mit den Gläubigern schnell eine Einigung treffen. Sowie Herr K. ein Gehalt bekam, musste er 20 DM an das Arbeitsamt, die Hochbahn, den Hamburger Verkehrsbetrieb und die Elektrizitätswerke zahlen.  Die verzichteten dafür auf weitere rechtliche Schritte.

Schwieriger wurde es bei der Lohnsteuerkarte. Um die zu bekommen, braucht man einen festen Wohnsitz. Den hatte Herr K. nicht. Da er eine Schwester hatte, schlugen wir vor, sich dort zu melden. Die lehnte das ab, denn sie fürchtete dadurch Kürzungen bei der Sozialhilfe. Gleichzeitig erfuhr ich, dass die Schwester alkoholkrank war und an Krebs litt. Das Gespräch mit ihr war nicht schön.

Ich fand auch heraus, dass Herr K. meistens bei seiner Mutter schlief. Die lebte im betreuten Wohnen, und der Hausmeister drückte beide Augen zu, wenn Herr  K. nachts bei ihr schlief. Schließlich erhielt ich einen Tipp, dass es möglich ist, sich ohne Wissen des Wohnungsinhabers anmelden zu können und Herr K. bekam nun einen Wohnsitz auf dem Papier und damit auch eine Lohnsteuerkarte.

Ein letzter Schritt, den ich mit ihm unternahm, war die Wohnungssuche. Wir bereiteten die Vorstellungsgespräche bei Vermietern vor, besorgten eine Einstellungszusage vom künftigen Arbeitgeber und schließlich fand Herr K. tatsächlich eine winzig kleine Wohnung im Süden von Hamburg. Ein Kollege spendete einen Kühlschrank für Herrn K. und auch das Sozialamt gab ein bisschen Geld, sodass die Wohnung zumindest mit Bett, Tisch und Stuhl ausgestattet war.

Im November 1997 nahm Herr K. die Arbeit auf. Er bekam 6, 92 DM brutto die Stunde.  Von seinem Gehalt zahlte er jeden Monat rund 100 DM an 5 verschiedene Stellen,  denn auch bei der deutschen  Post (Telefon) und dem HVV  gab es weitere Schulden. Zum Leben blieb ihm nur ganz wenig, aber Herr K. war stolz, sein Leben allein zu regeln. „Ich hab genug Scheiße in meinem Leben gebaut, jetzt will ich anständig leben. Nicht wie meine Schwester und ihr Mann, die sich tot saufen. Die sollte sich mal lieber mit um unsere Mutter kümmern“.

In den folgenden  Jahren,  kam Herr K. immer mal wieder vorbei. Das erste Mal kam er mit einem dicken Strauß roter Nelken.  „ich wollt‘ mich noch mal bei Ihnen bedanken, sagte er. „Sie haben sich ja immer gekümmert“.  Herr K. arbeitete nun im Lager, hatte eine kleine Wohnung und besuchte schaute mehrmals in der Woche bei seiner Mutter nach dem Rechten. „Die wird immer tüdeliger“, erzählte er mir, „neulich hatte sie vergessen, den Herd auszumachen“. Er nahm fast drei Stunden Fahrt mit der U-Bahn auf sich, um seine Mutter zu sehen.

Herr K. kam meist dann, wenn er in einer Krise war. So etwa alle 2 – 3 Jahre. Beim ersten Mal hatte er sich verliebt. Das Mädchen war drogenabhängig und er wollte sie von der Straße weghaben. Zahlte ihre Drogen, damit sie nicht anschaffen ging. Konnte deshalb die Miete nicht mehr zahlen und wusste nicht weiter. Der Vermieter zeigte Verständnis und Herr K. musste künftig noch eine weitere Ratenzahlung leisten.

3 Jahre später kriegte er einen neuen Chef, mit dem er nicht klar kam. Er fühlte sich übervorteilt, ging nicht mehr zur Arbeit  und irgendwann kam die Kündigung. Er fand schnell etwas Neues in einer Firma, die die Hamburger Bahnsteige reinigt.

Als er zwei Jahre später wieder vorbei kam, platzte es aus ihm heraus: „Sie haben aber ganz schön zugelegt. Sorry, ich wollte sie nicht beleidigen, es steht ihnen ja, aber fiel mir nur so auf.“ Er wurde ganz rot im Gesicht.

Herr K. hatte sich wieder verliebt. In seine Nachbarin. Er hatte ihr Geschenke gemacht und ihrem Sohn eine  Playstation und Spiele gekauft.  „Sie will ja nichts von mir, das weiß ich ja, so, da läuft nichts zwischen uns. Aber sie hat ja sonst keinen und der Junge auch nicht. Aber nun will sie immer mehr von mir. Gestern wollte sie, dass ich ihr 100 Euro leih‘.“  Herr K war verliebt, aber er hatte gemerkt, dass ihn da jemand ausnutzen wollte. Er brauchte ein wenig Trost und die Bestätigung, dass Liebe und Geld nichts miteinander zu tun haben.

Ich hörte fast fünf Jahre nichts von ihm, aber als er dann wieder auftauchte,  fehlte ihm ein Unterschenkel. Er lief auf Krücken, aber war entschlossen, wieder zu arbeiten, sobald er eine Prothese hatte. In dieser Phase kam er öfter vorbei.  Die Prothese wollte nicht so recht passen, es gab Probleme mit dem Geld und Herr K. brauchte eine neue Wohnung, da es zu mühsam wurde, ins Dachgeschoss zu steigen. Seine Mutter und seine Schwester waren inzwischen verstorben, die Nachbarin hatte einen anderen Mann gefunden und mit der Prothese war eine Arbeit in der Straßen- und U-Bahnreinigung nicht mehr denkbar. Herr K. war zu langsam geworden. Er  sollte nun eine Erwerbsminderungsrente kriegen, die er nicht wollte. Der Verlust seiner Arbeit traf ihn tief und in dieser Zeit rief er öfter mal an, um „zu hören, wie es Ihnen denn so geht, Frau W“. Er jammerte nie, aber er hasste es, kein eigenes Geld mehr zu verdienen, nicht mehr auf eigenen Füßen zu stehen. „Aber es muss ja weitergehen“, sagte er bei jedem Gespräch. „Irgendwas wird sich schon ergeben“.

Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er nun eine Wohnung im Erdgeschoss hatte und er erzählte mir, dass er eine Katze aus dem Tierheim geholt hatte. Einen orangenen Tiger. Das ist jetzt drei Jahre her. Die Handynummer von Herrn K. funktioniert nicht mehr.

Während all der Krisen hat Herr K. nicht einmal mehr zu Alkohol oder Drogen gegriffen. Für mich ist er ein Held.