Ein besonderer Mensch

Nimmst du jemanden, wie er ist, wird er bleiben,
wie er ist,
aber gehst du mit ihm um,
als ob er wäre, was er sein könnte,
wird er zu dem werden, was er sein könnte.

( Johann Wolfgang von Goethe)

Diese Weisheit von Goethe erinnert mich an meinen Schwiegervater. Er ging stets davon aus, dass Menschen gut sind und das Richtige tun würden.

Als ich ihn kennen lernte, war ich eine unsichere junge Frau, die keine besonders gute Meinung von sich hatte. Bei John fühlte ich mich jedoch immer sicher. Egal, was ich sagte oder tat, sah er stets etwas Gutes darin. Er war nie herablassend oder gönnerhaft, sondern nahm meine Meinung ernst und behandelte mich stets so, als sei ich ein guter, vertrauenswürdiger, kluger Mensch, der fähig ist, sein Leben eigenständig zu meistern. Dabei hielt er mit seiner Meinung nie hinter dem Berg, vertrat ganz klare Standpunkte, aber blieb in all seinen Aussagen stets wertschätzend.

Aus jedem Besuch bei ihm ging ich gestärkt hervor, fühlte mich wertvoll und geschätzt und nie, aber auch wirklich nie hätte ich mich in seiner Gegenwart schlecht benommen. Er zeigte Interesse an meinem Leben, an meinem Studium und an meiner Meinung zu Politik und Gesellschaft und hörte mir aufmerksam zu. Nach diesen Gesprächen fühlte ich mich stets gestärkt, inspiriert und motiviert, weiterhin meinen Weg zu gehen und die gute Person zu sein, als die er mich sah.

John war in keiner Weise naiv. Er wusste sehr wohl um meine Schwächen und hieß es nicht gut, dass mein Mann und ich schon vor unserer Ehe zusammen lebten. Er versuchte jedoch nie, uns dazu zu drängen, unser Leben so zu führen, wie es seiner Meinung nach richtig war. Er drängte uns nie seinen Willen auf und übte nie Druck aus. Statt dessen zeigte er viel und ehrliches Interesse an uns, fragte nach und urteilte nie.

Nach der Scheidung wurde unser Kontakt über die Jahre immer weniger. Nachdem ich mit meinem neuen Lebensgefährten zusammen zog und mein Ex-Mann wieder heiratete, ließ ich den Kontakt ganz einschlafen. Über meine Söhne wusste ich, dass er langsam erblindete. Wenn ich an ihn dachte, stritten stets Gefühle von Dankbarkeit und Liebe, Scham und Bedauern über den Kontaktabbruch in mir.

Schließlich erklärte ich ihm in einem Brief, warum ich den Kontakt abgebrochen hatte und drückte meine Dankbarkeit und meine Zuneigung zu ihm aus, so gut ich es eben konnte. Ich musste nicht lange auf die Antwort warten. Sie war voller Verständnis und Freude über den wiederaufgelebten Kontakt. Ich hätte es wissen müssen, dass nicht meine Rolle als Schwiegertochter, sondern ich als Mensch ihm wichtig war.

John starb vor sechs Jahren. Ich denke gern, mit ein bisschen Wehmut und Dankbarkeit an ihn.

Zum Jahresausklang

MANCHE LEUTE GLAUBEN,
DURCHHALTEN MACHE UNS STARK;
DOCH MANCHMAL STÄRKT UNS
GERADE DAS LOSLASSEN.“

Hermann Hesse, 1877 – 1962
dt. – schweiz. Dichter
„Kleine Weisheiten“, Evang.Verlagsanstalt
Berlin 1987


Ich wünsche Euch allen Gesundheit und Lebensfreude für das kommende Jahr!

So wie es ist, soll es nicht bleiben

In ein paar Tagen werde ich 60. Das finde ich nicht weiter schlimm, aber es löst  etwas in mir aus. Ich will nicht mehr so weitermachen, wie bisher.

Ich gebe euch ein Beispiel:

Vor vier Wochen hatten wir personellen Notstand. Ich hatte alle Hände voll zu tun, die Klienten zu vertrösten, wenn ihre Therapeuten nicht da waren, die Telefonate und Emails, die auf mich umgeleitet waren, zu beantworten, schnell mal anhand der Doku einen Bericht zu schreiben, den ein anderer längst hätte fertig haben sollen usw.

In der Woche hatte ich für den Freitag einen Urlaubstag geplant. Den Donnerstag davor hatte ich von Terminen frei gehalten, um meine eigenen, längst überfälligen Gutachten zu schreiben und den Papierkram zum Monatsende fertig zu kriegen.  Am Montag teilte mir die Personalabteilung mit, dass sie für den Donnerstag noch zwei Vorstellungsgespräche geplant hatten, an denen ich als Teamleiterin teilnehmen musste. Meine gar nicht mal so leisen Proteste ignorierten sie und ich fügte mich. Schließlich brauche ich ja neue Mitarbeiter.

Der Donnerstagmorgen begann mit einem langen Stau und 50 Minuten Verspätung. Als ich kam, warteten bereits drei Klienten vor meiner Tür. Jeder hatte Fragen und Anliegen, die nicht aufschiebbar waren, es ging um die Verlängerung ihres Aufenthalts und fehlende Übergangsgeldzahlungen. Normalerweise sind dafür die Sozialpädagoginnen zuständig, aber eine ist im Mutterschutz, eine hat uns verlassen und die Dritte ist krank. Es gibt noch eine Vierte, aber die arbeitet nur an 3 Tagen in der Woche und nicht an einem Donnerstag.

Kurz darauf stand ein junger Mann in meiner Tür, der im Internet über unsere Angebote gelesen hatte und sich nur mal kurz erkundigen wollte, wie das bei uns so läuft. Ich erklärte ihm freundlich, dass ich gern ein Aufnahmegespräch mit ihm führe, er dafür aber einen Termin vereinbaren müsse. Das verstehe er, aber er habe trotzdem ein paar Fragen, um sich darüber klar zu werden, ob wir denn die richtige Einrichtung für ihn sind. Nun, erwiderte ich, um das zu klären,  sind diese Aufnahmegespräche ja da, ob er denn einen Termin machen wolle. Das wollte er und während ich in meinem Kalender nach einer freien Stunde suchte, löcherte er mich weiter mit Fragen. Schließlich, nach 20 Minuten, gelang es mir ihn vor die Tür zu schieben.

Die beiden Vorstellungsgespräche waren enttäuschend. Der einen Bewerberin fehlten die Voraussetzungen, obwohl ich sie sonst gut fand, der andere hatte Gehaltsvorstellungen, die mich ganz blass vor Neid werden ließen, vor allem, weil er mit seinen 30 Jahren schon mehr verdiente hatte, als ich mit 60. Da tröstet mich dann auch mein Firmenwagen nicht mehr.

Ende vom Lied war, dass ich erst um 16.00 Uhr zu meinen Berichten und Verwaltungsaufgaben kam. Am Montag mussten diese den Kostenträgern bzw. dem Rechnungswesen vorliegen. Ich schaltete das Telefon aus und machte mich an die Arbeit. Es war fast 21.00 Uhr als ich schließlich das Haus verließ. Ich wurde mit einer freien Autobahn belohnt und schaffte es noch kurz vor 22.00 Uhr in den letzten offenen Supermarkt zu stürmen und Hundefutter und eine TK-Pizza für mich zu holen.

Am Freitag hatte ich meinen Urlaubstag. Den brauchte ich dringend, um endlich mal zu Hause klar Schiff zu machen. Den Garten machte ich dann am Samstag und am Sonntag war ich müde und kaputt.

Solche langen Tage habe ich vor jedem Urlaub und manchmal auch dann, wenn keiner ansteht. In den vergangen  Jahren war ich so gut wie nie krank.

Auf der Arbeit bin ich ein Kopfmensch, denke rasend schnell, treffe Entscheidungen und nehme mich selbst kaum wahr. Mein Körper hat bereits begonnen, sich zu rächen: Arthrose, Diabetes, ein Reizmagen und seit neuestem eine Autoimmunkrankheit der Haut. Auslöser: Stress.

Ich leide unter Bewegungsmangel und ich schlafe nicht genug. Damit muss nun Schluss sein.

Ich werde 60! Damit habe ich ein Alter erreicht, in dem ich den jungen Mitarbeitern wie ein Relikt aus der Steinzeit erscheine und auch sie sind mir oftmals fremd mit ihren Einstellungen und ihrer Arbeitshaltung. Aber es ist ihre Zeit. In 6 Jahren und 3 Monaten gehe ich in Rente und ich bin fest entschlossen, ab jetztmeinen Fokus auf das zu richten, was wirklich zählt. Meine Gesundheit, meine Familie, die wenigen Freunde, die ich noch habe, meinen Partner, dem Malen, Schreiben und dem Garten.

Mit anderen Worten, ich will meine Energie und Kraft nicht mehr nur für die Arbeit, sondern für mich nutzen. Sonst ist sie nämlich bald aufgebraucht.

Natürlich will ich weiterhin einen guten Job machen, aber als Leitung und mit 60 Jahren muss ich nicht mehr diejenige sein, die sich mit Grippe zur Arbeit schleppt, während anderen bei jedem Schnupfen mindestens drei Tage zu Hause bleiben. Ich will lernen, an die jungen, nachfolgenden Mitarbeiter abzugeben, ihnen Verantwortung zu übertragen und mich selbst zurückzunehmen, ob das meiner Geschäftsleitung nun passt oder nicht. Mit 60 Jahren und nach 25 Jahren in dieser Einrichtung habe ich es mir verdient, es etwas langsamer angehen zu lassen. Ich bin sogar überzeugt, dass unsere Abteilung davon profitieren wird. Eine Vorgesetzte, die heiter und gelassen ist, die anderen etwas zutraut und sich nicht in alles reinhängt, ist sicherlich motivierender als eine, die alles kontrolliert, nichts abgeben mag und die anderen so klein hält, oder?