Tag 1

Ich wache gegen 11 Uhr auf. Fühle mich benommen und desorientiert. Ich habe fast 12 Stunden geschlafen. Das ist mir selbst im Urlaub noch nie passiert. Wahrscheinlich bin ich erschöpfter, als ich mir selbst eingestehen mag.

In den vergangenen Wochen hatte ich viel Stress auf der Arbeit. Stress im Sinne von hoher Arbeitsdichte, was mich gewöhnlich nicht stört. Ich mag meine Arbeit und komme gut mit den Anforderungen zurecht. Was mich nervt ist das Zwischenmenschliche. Wir haben drei neue Mitarbeiter, und bei dem Arbeitsanfall bin ich nicht zu einer vernünftigen Einarbeitung gekommen. Das rächt sich jetzt durch mangelnde Einbindung der Neuen in das Team und durch Fehler, die diese aufgrund ihrer Unerfahrenheit in diesem Arbeitsumfeld gemacht haben. Als ihre Vorgesetzte bin ich verantwortlich. Aber auch meine anderen Mitarbeiter habe ich als zunehmend fordernd und unfair erlebt, je höher mein eigener Arbeitsanfall war und je seltener ich mich im Team habe blicken lassen.

Gleichzeitig gab es Probleme in der Familie, verbunden mit Anrufen, endlosen Diskussionen und Hässlichkeiten, die sich ergeben, wenn es um ein vermeintlich hohes Erbe geht. Nicht schön.

Ich bin über Wochen erst in den späten Abendstunden zu Hause gewesen und es gab kein Wochenende ohne Termine. An manchen Tagen habe ich für die Fahrt zur Arbeit fast zwei Stunden gebraucht und eben so viel Zeit auf dem Weg zurück. Baustellen in der City und auf der Autobahn, das Ende der Sommerferien und Stau, Stau, Stau…

In dieser Zeitspanne habe ich drei Kilo zugenommen.

Heute ist der erste Samstag seit langem, den ich geruhsam angehen kann. Nichts und niemand wartet auf mich. Ich trinke jetzt einen Kaffee mit fettreduzierter Milch und suche im Netz nach einem leckeren und fettarmen Rezept für Fisch.

Heute geht es los

90,4 kg.

181,3 Pfund.

Kleidergröße 46/48

Von der Seite betrachtet, bilden Brust und Bauch eine Linie.

Der Fransenschnitt kaschiert das Doppelkinn nicht mehr.

Es ist Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich bin nicht mehr leicht übergewichtig oder kräftig, sondern dick und unförmig geworden.

Fett schwabbelt am Bauch, Dellen an den Beinen, die Ringe sitzen so eng, dass ich sie nicht mehr abziehen kann. Nur noch 2 Paar Jeans passen.

Diät?

Nein. Ich ernähre mich eigentlich ziemlich gesund, aber ich esse zuviel und bewege mich zu wenig.

3 Stunden am Tag sitze ich mindestens im Auto. Mindestens 7 Stunden meiner Arbeitszeit verbringe ich sitzend.

Ich esse, wenn ich

  • müde bin
  • traurig bin
  • mich gestresst fühle
  • mich belohnen will
  • wütend bin
  • nicht ‚Nein‘ sagen mag (das ist oft)
  • Langeweile habe
  • lese
  • mir was Gutes tun will
  • mich leer fühle

Kurz gesagt, ich esse nicht, weil ich hungrig bin, sondern weil mir irgendetwas fehlt.

Wie kann ich abnehmen?  Indem ich

  • besser auf mich aufpasse
  • unnötigen Stress vermeide
  • bei Müdigkeit Ruhe suche
  • bei Wut schreie oder das Problem anspreche
  • mir Spaß und Vergnügen gönne
  • lerne, mich zu entspannen
  • die Lösung einiger meiner Dauerprobleme endlich mal in Angriff nehme.

Außerdem werde ich einige Lebensgewohnheiten ändern müssen:

  • nicht mehr im Bett essen
  • aufhören, weiter zu essen, wenn der Bauch schon voll ist
  • Süßigkeiten, Kuchen, Kekse und Eis weitestgehend aus dem Speiseplan streiche
  • Imbiss und Fertiggerichte nur im Ausnahmefall nutze
  • Fahrrad fahre
  • die Spaziergänge mit dem Hund ausdehne
  • mich mal wieder ins Fitnessstudio traue.

Wollen wir wetten? Nächstes Jahr um diese Zeitbin ich 20 kg leichter und  trage ich wieder Größe 40!

Gewichtsprobleme

Vor 5 Jahren habe ich aufgehört zu rauchen. Innerhalb von 6 Monaten  15 kg zugenommen. Und danach weitere 10 kg, langsam und stetig.

5 Jahre Kampf gegen das Gewicht. Gute Vorsätze: keine Süßigkeiten, wenig Weißmehl und Fett. Ein paar Tage durchgehalten, dann wieder ein Einbruch: Kuchen bei der Geburtstagsfeier des Kollegen. Da kann man doch nicht ablehnen, das würde ihn kränken. Familienfeiern, alles dreht sich ums Essen, da lange ich auch zu. Urlaub, lange bei Rotwein noch draußen sitzen, da mag ich den Wein nicht durch Wasser ersetzen, Weihnachten, Ostern, Feste, zu denen gutes Essen gehört.

Und dann die Tage auf der Arbeit, an denen von allen Seiten Forderungen und Bitten, Anliegen und Wünsche kommen. Telefon, Email, persönliche Gespräche, Berichte drängen. Da tut eine Tafel Schokolade soooooo gut.

Wenn es schon mit der bewussten Ernährung nicht klappt, dann will ich mich wenigstens viel bewegen. Aber, ach, im Winter ist es so früh dunkel, da wird es nichts mit dem langen Spaziergang am Wochenende, weil ja erst der Haushalt ruft, die Einkäufe, die Wäsche, der Anruf der Mutter, der Partner was bereden will, der Besuch von den Söhnen zum Mittagessen, und es dämmert, bevor ich losgekommen bin.  Dann eben doch nur die Runde durch das Dorf mit dem Hund.

Ja, meist schaffe ich es einmal in der Woche ins Fitnessstudio. Am zweiten Abend wird es dann schon wieder zu spät. Der lange Arbeitstag, 12 Stunden außer Haus, dann noch die Einkäufe und der Hund muss raus, da lockt das Sofa und die Bequemlichkeit siegt wieder einmal.

Nein, eine Diät habe ich nicht gemacht. Die letzte Diät war nach der Geburt meines jüngeren Sohnes. Danach ging das Gewicht mal rauf, mal runter, aber alles im Rahmen. Größe 42 erschien damals als Katastrophe.

Heute – ja, da mogel ich mich in 46 rein, mit Bauch einziehen und figurformenden Höschen. Igitt!!! Das ich sowas mal anziehen würde, hätte ich mir nie erträumt. Noch mit 45 Jahren habe ich über die Frauen gelästert, deren Busen auf dem Bauch ruhte. Sowas würde mir nie passieren! Da würde ich mich doch vernünftig ernähren und Sport machen! Ha, ha,… Nun, jetzt hat sich auch bei mir Brust- und Bauchumfang einander angenähert und ich meide den Blick in den Spiegel. Kleidung wähle ich nach ihrer streckenden, schlank machenden Wirkung aus, vorbei die Zeit, als ich das kaufte, was mir gefiel.

Geht es mir gut damit? Nein, ganz ehrlich, ich hasse diesen Zustand.

Es tröstet mich, andere Frauen mit dickem Bauch zu sehen, dann weiß ich, ich bin nicht allein. Mein Körper wird älter. Er mag sich nicht mehr so leicht von seinen Fettdepots trennen, wie früher. Ich werde schneller müde. Die Gelenke jaulen manchmal, und es ist lange her, dass ich ein Nacht durchgefeiert habe.

In mir rumort Sehnsucht. Ich will noch mehr vom Leben. Nicht nur Haus, Garten, Job und einmal im Jahr eine Reise. Ich möchte attraktiv sein, schöne Kleider tragen, ich möchte tanzen gehen, ich möchte begehrt werden, ich möchte Sex ohne Wabbelspeck, ich möchte reisen, die Welt sehen, Aufregendes erleben, das Gefühl haben, das noch alles vor mir liegt.

Und dann schaut mich im Spiegel dieses dicke Weib an, mit müden Augen. Da liegt der Mann, mit dem ich lebe,  auf dem Sofa, und Erotik gibt es in unserem Haus  nur noch im Spätprogramm der Privatsender.

Nein, es ist nicht immer einfach, in der Mitte des Lebens zu sein. Der innere Schweinehund ist mächtig. Die Altersweisheit lässt noch auf sich warten. Aber zum Glück bin ich nicht mehr so dumm zu glauben, dass die Erfüllung meiner Sehnsüchte vom Gewicht abhängt.

So, und jetzt gehe ich in die Küche und mache eine Flasche Rotwein auf und koche uns ein schönes Abendessen!