Begehren

Wir haben einen neuen Ergotherapeuten in unserer Einrichtung und der sieht richtig gut aus. Immer wieder erwische ich mich dabei, ihn anzustarren, kann mich gar nicht satt sehen an seinen hübschen runden Po, seinen kräftigen Oberschenkel, den gut definierten Muskeln an den Armen, seinen sensiblen Hände, seinen weiten Mund und den leuchtenden Augen. Am liebsten würde ich ihm so nah kommen, dass ich ihn riechen kann, ihn einatmen, seine Haut berühren, die so weich und klar aussieht.

Wie habe ich mich früher über diese älteren Männer lustig gemacht, die mir als junge Frau auf den Po starrten, die ich leicht um den Finger wickeln konnte (und das auch getan habe). Ich habe mich geschmeichelt gefühlt und die Macht der Jugend genossen. Als schon etwas reifere Frau habe ich mich manchmal über meinen Mann geärgert, wenn er jungen Frauen hinter her schaute, irgendwie anders zu ihnen war als zu meinen Freundinnen.

Seit ein paar Tagen verstehe ich ihn. Ich kann meinen Blick kaum abwenden, wenn unser junger Ergo in der Nähe ist. Er hat Pluspunkte bei mir, bevor er gezeigt hat, was er wirklich kann. Nicht gut, ich weiß, aber ich bin menschlich.

Will ich eine Affäre mit ihm? Nein, definitiv NEIN. Das würde alles kaputt machen. Nein, eine reale Affäre mit ihm wäre nicht in meinem Sinne. Die würde mir ja die Realität um die Ohren hauen. Nein, eine Affäre mit einem jungen Mann will ich nicht. Ich will nichts über ihn wissen, ihn nicht kennen lernen. Vor allem will ich meinen vom Leben gezeichneten Körper nicht mit einem jungen und knackigen Körper vereinen, denn das würde mir deutlicher als alles andere machen, dass ich mich zwar jung fühle, es aber definitiv nicht mehr bin. Nein, ich will ihn einfach nur angucken und mich an seiner Perfektion erfreuen!

Der Anblick dieses jungen Mannes bringt mir die Erinnerung daran zurück, wie es war, jung zu sein, wie sich ein junger Körper anfühlt, wie es war, als mein Mann so jung war wie er, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie schön es war, so jung, ohne Kinder, ohne Verantwortung, einfach nur den Sommer genießen, halbnackt in der Sonne zu liegen, Liebe zu machen, bevor „Rücken“  und Arthrosen, Müdigkeit und Gewohnheit sich in die Beziehung schlichen. Unser junger Ergo bringt mich wieder in Kontakt mit der jungen Frau, die ich einmal war und die noch immer in mir schlummert.

Also begegne ich unserem neuen Ergo mit der gebührenden Professionalität und gönne mir nur hin und wieder, wenn es keiner merkt, einen langen Blick auf ihn, erfreue mich am Spiel seiner Muskeln, die Bewegungen seines Körpers, hoffe, dass der Herbst mit seinen Wollpullovern mir dieses Bild nicht allzu schnell zerstört.

Ob es Männern in meinem Alter auch so geht? Sie sich gar nicht für die jungen Frauen an sich erfreuen, sondern einfach nur dieses Gefühl, wieder im Kontakt mit der eigenen Jugend zu sein, genießen. Egal, ich fühle mich diesen Männern jetzt näher, habe ein bisschen mehr Verständnis dafür, wenn sie von einer jungen Frau  verzaubert sind.

Es geht ja nicht um die Person des jungen Menschen, nein, das Begehren richtet sich auf seine Jugend, seine Sinnlichkeit und Lebenskraft. Für einen kurzen Moment legen wir unsere Lebenserfahrung, unsere Zipperlein und Müdigkeit ab und spüren wieder wie es ist ganz jung, am Anfang und voller Verlangen nach Leben zu sein.

WUT

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn es in euch brodelt und siedet, wenn eine Spannung im Körper ist, ihr euch lebendig fühlt und eine gewaltige Energie in Euch kocht? Wenn kein Lächeln möglich ist, aber  der Blick klar wird, ihr alles schärfer seht als sonst,  wenn ihr am liebsten schreien möchtet, wenn ihr wütend seid.

Ich bin wütend. Unendlich wütend. Mein Mann hatte einen Herzinfarkt. Nach Sorge, Unruhe, Angst ist nun die Wut da. So eine Scheiße. Ich will das nicht. Ich suche ein Opfer für meine Wut. Seine blöde Tochter, die versucht hat, mich zu beschwichtigen, die mich aber auch tagelang im Unklaren gelassen hat, warum er wirklich im Krankenhaus ist. Von ihr habe ich es nicht erfahren und die ganze Wut, die ich immer schon auf ihr oberflächliches, dummes Verhalten, ihre kleinen Seitenhiebe, ihr anmaßendes Verhalten hatte, ist nicht mehr zu verdrängen. Aber ich bin auch wütend auf meinen Mann. Wieso musste er seinen Herzinfarkt ausgerechnet 1000 km von zu Hause entfernt kriegen? Und überhaupt, warum hat er nicht auf mich gehört? Meinen Salat stehengelassen und die Hundespaziergänge mir überlassen. Weitergeraucht, nachdem ich schon längst aufgehört hatte. Meine Vorträge über gesundes Essen und meine Bitten, endlich mal zum Arzt zu gehen, ignoriert und belächelt. Und jetzt kriegt er einen Herzinfarkt. Idiot!

Ja, ich bin wütend, wütend und noch mal wütend. Aber Wut ist gut. Sie beflügelt mich. Ich spreche aus, was ich denke, gebe meine Zurückhaltung auf, bin nicht so nett wie sonst, zeige, dass mit mir grad nicht zu spaßen ist, dass ich mich ärgere.  Die Wut zeigt sich im Alltag, das Klo glänzt wie schon lange nicht mehr, der Rasen ist millimeterkurz und die Fenster sind geputzt,.  Wut ist Energie, Wut ist gut, Wut ist besser, als mit diesem schrecklichen dumpfen Gefühl in der Magengegend herumzulaufen. Besser, als alle 5 Minuten das Handy zu checken, ob ich nicht doch einen Anruf verpasst habe.

Der Herzinfarkt war im letzten Jahr. Meinem Mann geht es wieder gut. Er hat aufgehört zu rauchen. Seine Blutwerte sind in Ordnung und meine Wut habe ich damals in meinem Tagebuch festgehalten.

Wut ist gut. Wenn man sie zulässt und ihre Energie in hilfreiche Kanäle lenkt, in Arbeit, Sport, Putzen, aufräumen, oder sie in Bilder und Texte fließen lässt, dann befreit Wut. Wer seine Wut zulässt, hat keinen Hunger. Die Energie fließt. Wer seine Wut zulässt, sieht klarer, kann nichts mehr beschönigen oder Konflikte verdrängen.

Meine Wut damals war nicht die Wut, die plötzlich während eines Streits hochkocht und die schwer zu bändigen ist. Meine Wut war die, die sich unter der Trauer und der Angst verbirgt. Meist verschüttet unter Alltagssorgen und Nöten, ist diese Wut ein Teil von mir,  ein Gemütszustand, den ich viel zu oft beiseite dränge, um vernünftig und angepasst zu agieren. Diese Wut ist klar, sie ist ein Zustand, in dem ich voller Energie und Kraft bin, in dem ich mir plötzlich nichts mehr vormache, sondern wach bin und  die Dinge so sehe, wie sie sind. Ein Zustand, in dem ich zu handeln beginne, Dinge regle, die ich lange ignoriert habe. Ein Zustand, in dem ich komplett in Kontakt mit mir selbst bin.

Wut gilt als negatives Gefühl. Sie gilt als gefährlich und sie kann auch gefährlich sein. Wenn sie einen während eines Streits oder wegen eines Vorfalls überrollt, man einfach schnell Dampf ablassen muss, kann das zu Worten oder Taten führen, die man später bereut. Wenn die Wut schon lange schlummert,  und man sie nicht identifizieren kann oder ihrer Ursache nicht auf dem Grund gehen kann und wenn man nicht gelernt hat, sie zu kanalisieren, kann sie sich gegen Menschen, auch gegen die eigene Person richten oder in der Zerstörung von Dingen enden.

Lässt man die Wut jedoch zu, ist sie befreiend, eine große Energie und ein Antrieb. Sie ist nicht schlecht, sondern hilfreich. Sie beendet zumindest für eine Zeit die Trauer und die damit einhergehende  Passivität und sie lässt keine Angst zu.  Bei der Bewältigung großer Lebensereignisse  wie  Krankheit, Tod und Verluste, Abschiede  und Krisen gehört Wut ebenso dazu wie Trauer und Angst.

Mir ist sie aber auch beim Abnehmen begegnet. Als ich leichter wurde, nicht mehr aß, um mich zu beruhigen oder zu trösten. Da kam sie, ohne dass ich sagen konnte, worauf sie sich bezog. Wahrscheinlich, weil ich ohne mein Krücke „Essen“ keinen Schleier über meine Gefühle ziehen konnte.

Manchmal entsteht sie auch, wenn ich mich körperlich austobe, ganz bei mir bin. Dann wird mir auf einmal bewusst, dass ich wütend bin, dass mich eine Bemerkung, ein Verhalten verletzt hat oder ich schon länger Groll wegen einer Situation hege. Ich lasse die Wut dann zu und sie tut mir nichts. Im Gegenteil, sie hilft mir Klarheit zu gewinnen, Grenzen zu setzen und zu handeln.

Ja, ich schätze meine Wut. Sie ist nicht schlecht oder negativ, sondern gibt mir den Antrieb, den ich brauche, um in meinem Leben aufzuräumen.

Schusselig in Goslar

Manchmal bin ich ein bisschen schusselig. Vergesse, dass da was auf dem Herd brutzelt (neulich habe ich Spinat, den mit dem Blubb, anbrennen lassen, echt eklig, das wieder sauber zu kriegen) oder suche morgens stundenlang meine Schlüssel. Was mir jedoch am letzten Montag passiert ist, war echt der Höhepunkt.

Mein Liebster und ich waren ein verlängertes Wochenende im Harz. Echt schön dort, kann ich empfehlen. Am letzten Tag waren wir in Goslar und nachdem wir alle Sehenswürdigkeiten besucht hatten, sind wir durch die Innenstadt geschlendert, um zu gucken, ob es in Goslar etwas gibt, was es woanders nicht gibt. Dabei kamen wir auch an einem Sportgeschäft vorbei. 30°C und da hängen Fleecejacken. Sehr günstig und ganz hübsch. Also anprobieren, trotz Schweißperlen auf der Stirn. Die eine zu klein, die andere zu groß, die einzige, die passt, hat die falsche Farbe. Also weiter ohne Fleecejacke.

Nach ungefähr 5 Minuten drückt uns der Durst und wir gucken uns nach einem Café um. Als ich mich umdrehe,  ist mir so merkwürdig leicht zumute, und in dem Moment, wo ich das wahrnehme, schießt mir der Schreck in die Magengrube:

„Wo ist eigentlich meine Handtasche? Hast Du die noch?“

„Ich, ne, wieso?“

Schiet! Die Tasche ist weg! Ich muss sie bei Anprobieren irgendwo hingelegt haben.  Also zurück, im Sprint. Hoffentlich hat sie irgendjemand gefunden und im Laden abgegeben. „Bitte, lieber Gott, lass sie noch dasein!!!“ Zweimal in die falsche Gasse und dann endlich ist der Laden in Sicht.

Ich glaub es einfach nicht. Da hängt meine kleine, graue Tasche am Kleiderständer mitten in der Fußgängerzone von Goslar, mindestens 10 Minuten, und als ich sie aufmache, ist noch alles drin.

Alles, das ist: meine Geldbörse mit 70 Euro, Kreditkarten, Maestro-Karte und Tankkarten, die Autoschlüssel (es gibt keinen Zweitschlüssel!),  Papiere, Haustürschlüssel, Handy und meine geliebte Lumix-Kamera.

Ist das nicht toll???!!!! Da hängt meine Tasche für jeden sichtbar, und es wäre so leicht gewesen, sie einfach mitzunehmen. Aber alle lassen sie hängen.

Danke, liebe Bewohner und Besucher von Goslar für Eure Ehrlichkeit! Danke lieber Gott für meinen Schutzengel! Ich komme gern nach Goslar zurück.