Wendepunkt

Als mein Arzt mir sagte, ich hätte Diabetes, wollte ich es ihm nicht glauben.

Klar, ich bin übergewichtig, aber doch erst seit ein paar Jahren. Ich ernähre mich falsch??? Nein, ich esse viele gesunde Sachen und achte auf fettarme Ernährung. Nur hin und wieder entgleist mein Verstand und dann habe ich eine Phase, in der ich zu viele Süßigkeiten esse. Aber sonst? Sonst bin ich wirklich sehr ernährungsbewusst.

Sicher, ich bewege mich nicht genug. Das weiß ich selbst, aber so schlimm, wie bei vielen anderen ist es bei mir nicht. Schließlich habe ich einen Hund und gehe jeden Tag mindestens zweimal mit ihr Gassi. Am Wochenende machen wir sogar ausgedehnte Spaziergänge, soweit meine kaputte Hüfte das zulässt. Und früher habe ich auch immer viel Sport gemacht. Und Yoga. Und wenn ich rechtzeitig aus dem Bett komme, mache ich auch heute noch ein, zwei Yogaübungen vor der Arbeit. Für die Beweglichkeit. Und die Übungen, die mir meine Physiotherapeutin zeigt, mache ich auch mindestens ein, zweimal die Woche, wenn ich rechtzeitig von der Arbeit komme.

Ok, meine Zuckerwerte sind zu hoch. Ja, kann sein, aber die wurden ja auch grade nach einer Phase intensiven Feierns, Grillens und Ausgehens gemessen. Und außerdem hat mein Arzt nicht beachtet, dass ich abends spät und dann auch viel esse und deshalb morgens natürlich höhere Blutzuckerwerte habe. Außerdem sind die Werte nur geringfügig über den Normalwert, dann kann das doch alles nicht so schlimm sein, oder?

Also, alles nicht so schlimm und alles bald wieder in Ordnung. Ein paar Wochen ohne Süßigkeiten und Rotwein, mit etwas längeren Spaziergängen und alles ist wieder gut. Außerdem weiß jeder, dass Stress den Blutzuckerwert erhöht, und bei dem Stress, den ich in den letzten Wochen auf der Arbeit hatte, ist es nicht verwunderlich, dass meine Werte „spinnen“.

So habe ich gedacht. Bis vor ein paar Tagen.

Der Wendepunkt:

Vor ein knapp zwei Wochen  habe ich eine medizinische Reha begonnen, auch Kur genannt. In einer netten Klinik in der Mitte von Nirgendwo. Nicht wegen der Diabetes, sondern wegen der Arthrose. Habe auch dort den Ärzten erklärt, dass es nur an der Dummheit  Übergenauigkeit meines Hausarztes liegt, dass er mir Metformin verschrieben hat, dass ich mich aber nicht als Diabetikerin bezeichnen würde. Die Ärztin, die mich untersuchte, lächelte, und steckte mich ins Diabetikerprogramm.

Ja, und da bin ich nun, und habe schon etliche Vorträge, eine Ernährungsberatung und viele Blutzuckermessungen hinter mir. Und ich begreife  langsam, dass ich tatsächlich Diabetikerin bin. Typ II, eine von denen mit der Insulinintoleranz. Erblich bedingt, denn meine Mutter, ihre Schwestern und Brüder haben es auch. Ich hätte es durch einen gesünderen Lebensstil hinauszögern, aber wahrscheinlich nicht verhindern können.

Ich habe Glück und muss zunächst nur Tabletten nehmen, Metformin, die mir mein Arzt ja schon im August verschrieben hatte und die ich damals nicht nehmen wollte. Jetzt nehme ich sie, aber das reicht nicht, um die Krankheit langfristig in den Griff zu bekommen. Eine Ernährungsumstellung ist angesagt.  Einfache Kohlenhydrate, wie sie in zuckerhaltigen Produkten vorkommen meiden. Das war mir schon klar. Aber das damit auch mein geliebtes Obst gemeint ist,  war mir nicht klar. Obst enthält viel Fruchtzucker und  2 Stückt am Tag sind genug. Wenig tierisches Fett, die Nackenkotelettes vom Grill sollten künftig eine Ausnahme bleiben. Das schockt jetzt im Winter nicht ganz so, denn bis zur Grillsaison vergehen noch einige Monate.

Auf Rotwein sollte ich künftig ebenso verzichten, bestenfalls ein kleines Gläschen ist erlaubt.  Das finde ich wirklich schade, denn grade am Freitagabend, zum Einklingen aufs Wochenende habe ich gern eine gute Flasche mit meinem Liebsten geteilt. Aber Alkohol bringt den Blutzucker komplett durcheinander und verträgt sich auch nicht wirklich mit Metformin.

Jetzt weiß ich auch, dass  die Blutzuckerwerte morgens auch hoch sein können , wenn man abends wenig gegessen hat. Meine letzte Blutzuckermessung hat mir das unmissverständlich klar gemacht und damit mein Argument,dass meine hohen Blutzuckerwerte nur ein Ergebnis meines Lebensstils und nicht Diabetes sind, entkräftigt. 

Dann musste ich noch erfahren, dass meine Spaziergänge mit dem Hund zwar gut sind, aber nicht als Sport zählen. Sport ist, wenn man auch mal ins Schwitzen kommt. Dabei schwitze ich oft schon, ohne Sport zu machen, schließlich bin ich in den  Wechseljahren, aber das zählt nicht. Bewegung und  körperliche Anstrengung sind ein Muss.  Natürlich sollte ich abnehmen.Je mehr, desto besser,  denn Übergewicht begünstigt eine Insulinintoleranz.

Nach der Reha gibt es Reha-Sport und ein DesesaseManagement-Programm und dann ab ins Fitnessstudio! Meinen Arzt sehe ich künftig auch öfter, alles drei Monate nämlich, zur Kontrolle.

Eigentlich schön, dass unser Gesundheitssystem sich so um mich sorgt, aber so ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass mein Arzt künftig an meinen Blutwerten sehen kann, ob ich denn auch wirklich gesundheitsbewusst lebe. Andererseits kann Diabetes, auch in einem so leichten, oder früher Stadium wie bei mir, gefährliche Schäden hervorrufen, und das muss ja nicht sein.

Hier in der Reha ist es sehr einfach, diesen Regeln entsprechend zu leben. Das Essen ist lecker, aber fettarm und die Blöße, mir Nachschlag zu holen, wo ich doch das rote Pünktchen für Diabetiker auf meinem Tischkärtchen habe und die Diätassistentinnen während der Mahlzeiten im Speisesaal herum marschieren, mag ich mir nicht geben. Ich mache jeden Tag Sport, habe Physiotherapie und schöne Anwendungen mit Wärme, kann schwimmen und in die Sauna gehen, spazieren gehen in der freien Zeit und dabei mit Neid auf all die Kurgäste schauen, die sich in den vielen Cafés ein Stück Torte gönnen.

Ach, irgendwie bin ich immer noch wütend, dass es mich getroffen hat!!!!!  Diese ganze Beschäftigung mit gesunder Ernährung und was esse ich wann und wie, das nervt mich schon gewaltig. Aber irgendwann mal Insulin spritzen zu müssen, finde ich auch nicht so prickelnd, also werde ich  eine brave Patientin sein und tun, was die Experten mir nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen raten.

Trotzdem, ich will kein Insulin spritzen und werde ab jetzt noch intensiver nach den schönen Dingen im Leben suchen, die nichts mit Essen zu tun haben. Und diese werde ich auskosten und genießen! Das Leben ist schön, auch mit Diabetes!  

Noch mehr Gedanken zum Thema Kreativität

“Kreativität” umweht ein Hauch des Besonderen. Kreative Menschen werden bewundert, sie sind Schauspieler, Musiker, Maler oder Sterneköche. Ihre Handwerkskunst ist herausragend, sie sind in der Lage, Gefühle und Stimmungen auszudrücken und uns die Welt aus anderer Perspektive näherzubringen. Sie sind Künstler.

Wir nehmen an, dass in den “Kreativen  Berufen” ,in der Werbebranche, im Design, der Produktion von Musikvideos oder der Entwicklung von Spielen Menschen beschäftigt sind, die über ein besonders hohes Maß an Kreativität verfügen. Wer sich zu dieser Gruppe zählen darf, dem umgibt ebenfalls ein Hauch des Besonderen.

Dabei vergessen wir, dass Kreativität auf allen beruflichen Ebenen ihren Ausdruck finden kann. Da gibt es den Konditor, der seine Torten besonders ausgefallen dekoriert, den Pädagogen, der ungewöhnliche Methoden findet, seine unruhige Klasse zur Mitarbeit zu bewegen, den Landschaftsgärtner, die die Farben der Pflanzen ungewöhnlich kombiniert, oder die Servicmitarbeiterin, die die Patienten der Rehaklinik durch kleine Gesten erfreut. Überall gibt es die Möglichkeit, den Ort, an dem wir sind, ein kleines bisschen mitzugestalten. Als ich in der Reha war, habe ich mich z. B. ganz besonders über die liebevolle und kreative  Art der Servicedame gefreut, die meinen Pyjama immer wieder neu gefaltet hat:

Schmetterling
Schmetterling
Das gibt ein gutes Gefühl
Das gibt ein gutes Gefühl

Je mehr wir unsere beruflichen Tätigkeiten als Aufgabe verstehen, die wir gestalten,  und je mehr Freude wir an unserem Beruf haben, desto leichter fällt es uns, auch hier unsere Kreativität zu leben.

Jedem von uns wohnt Kreativität inne, aber nur die wenigsten von uns trauen sich, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen oder sich selbst als kreativ zu bezeichnen. Die Meßlatte hängt zu hoch, denn nur was qualitativ hochwertig, ungewöhnlich und einzigartig erscheint, gilt als kreativ.  Die Bewertung kreativer Arbeit erstickt die Entfaltung unserer Kreativität schon im Keim. Da gestalten wir lieber unseren Garten, wie die Nachbarn es auch tun, folgen penibel jedem Rezept, singen nur unter der Dusche und  malen nach Zahlen,  statt unsere eigenen schöpferischen Kräfte zu nutzen.

Ich wünsche uns allen den Mut, unserer Kreativität im Alltag und im Beruf wo immer möglich Ausdruck zu verleihen. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis und bereichert oft auch das Leben anderer Menschen.

Nun, es ist bekanntlich alles leichter gesagt als getan. Um Ideen zu entwickeln, den Impuls zu bekommen, etwas neu zu gestalten bedarf es vor allem eins: Muße. Unter Zeitdruck oder wenn der Kopf voll mit Alltagsproblemen ist , geht unsere Kreativität schnell verschüttet. Wir müssen ihr Raum geben, sich zu entfalten. Auch im Alltag.

Wir müssen ihr aber auch zuhören. Wie oft haben wir eine tolle Idee, den Impuls, etwas zu gestalten und lassen dann zu, dass diese Energie im Sande verläuft. Manchmal blockieren uns auch unsere inneren Schweinehunde: dann erscheint es zu aufwändig, dies oder jenes zu tun oder sich abends tatsächlich noch mal hinzusetzen, um  zu nähen oder zu malen. Doch es lohnt sich, den inneren Schweinehund nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, denn auch wenn wir erstmal eher lustlos an eine Sache herangehen, passiert es oft, dass das Tun unsere Kreativität wieder wachrüttelt und sie zu fließen beginnt.

Übrigens, ich weiß selbst nicht, warum das Thema Kreativität mich diese Woche so gar nicht los lässt. Vielleicht liegt es daran, dass ich angefangen habe, Malstunden zu nehmen? Ich bin selbst überrascht, wie glücklich ich mich beim Malen fühle.