Theos Waage

Theo hat eine altmodische Waage mit Zeiger. Eine große, die sicherlich einmal sehr teuer war.

Heute morgen konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Und siehe da, seine Waage zeigte 87 kg an. Habe ich tatsächlich abgenommen oder ist Theos Waage ungenauer als meine?

Egal, wenn ich wieder zu Hause bin, möchte ich, dass meine eigene Waage höchstens 87 kg, besser noch 86 kg anzeigt. Seit meiner Fressattacke bin ich langsam wieder ins Gleichgewicht gekommen. Ich esse zwar nach wie vor viel, aber sehr gesunde Sachen: Gemüse, Obst, Knäckebrot, kaum Fett, kein Fleisch. Dazu trinke ich Unmengen an Apfeltee, grünem Tee und Kräutertee. Ich mache morgens 10 Minuten Gymnastik, meditiere danach einige Minuten und gehe nach wie vor zweimal am Tag mit dem Hund spazieren.

Ich habe mich dazu entschlossen, die Zeit bei Theo als „Trainingsfeld für das Erlernen von  Selbstfürsorge“ zu nutzen. Ich neige ja dazu, die Bedürfnisse anderer vor meine eigenen zu stellen und mir dadurch Stress zu machen.  Jetzt übe ich, dafür zu sorgen, dass es Theo gut geht, ohne mich selbst dabei zu vernachlässigen.

So werde ich den Sonnenschein für einen Spaziergang nutzen.Sicherlich kann Theo eine Stunde allein sein. Putzmittel und dergleichen habe ich weggeschlossen und ihm ist es zurzeit zu kalt, um rauszugehen. Er ist also sicher im Haus und vielleicht ganz froh, mal eine Stunde ohne „Aufsicht“ zu sein.

Leben mit Theo

Gestern haben wir mit Theo  Alma im Krankenhaus besucht. Theo war die Tage zuvor sehr unruhig gewesen, hatte immer wieder nach Alma gefragt und sie im ganzen Haus gesucht. Almas Arzt hat uns gebeten, möglichst selten mit Theo zu kommen. Neben ihrem Oberschenkelhalsbruch ist sie komplett erschöpft und leidet unter Depressionen. Sie wird künftig nicht mehr in der Lage sein, ihn allein zu betreuen und den Haushalt zu führen. Wer weiß, wie lange sie versucht hat, Theos Zustand zu verbergen.

Das Leben mit ihm ist anstrengend. Er gehört zu den Männern, die ihr Leben stets mit Arbeiten verbracht haben. Das Haus hat er mit eigenen Händen gebaut und danach immer wieder angebaut, umgebaut und renoviert. Der Garten ist sein ganzer Stolz. Jetzt im Winter weiß er nicht, was er tun soll. Er irrt im Haus umher, kann kaum länger als 20 Minuten still sitzen. Er steht vor Schränken, nimmt Dinge heraus, schaut sie an, legt sie an einen anderen Platz. Manchmal sind Schuhe oder andere Gegenstände plötzlich verschwunden und tauchen an unerwarteter Stelle wieder auf.  Unentwegt fragt er nach seiner Frau, wie es weitergehen soll, warum wir denn da seien, und er besteht darauf, allein zurecht zu kommen.

An manchen Tagen ist er hilflos. Dann kommt er morgens aus dem Schlafzimmer und ist desorientiert. Er steht dann da, und weiß nicht, was er tun soll.  „Was ist denn das bloß?“ „ich konnte doch früher immer..“ und ich merke, dass er unter seinem Zustand leidet.

Er erfasst Situationen, spürt sofort, wenn sich etwas ändert, aber er kann nicht in Worte fassen, was er denkt oder fühlt. Es gibt auch klare Tage. An diesen steht die Frage im Raum, wie es weitergehen kann. Wir können ihm diese Frage nicht beantworten.

Unsere Beobachtungen zeigen, dass er eine 24-Stunden-Betreuung braucht. Zu groß ist die Gefahr, dass er sich sonst Schaden zufügt. Vor einigen Tagen hat er nachts das Garagentor geöffnet und die Verbindungstür zum Haus offen gelassen. Jeder konnte so einfach in das Haus hineingehen. Er erkennt manche Dinge nicht mehr, weicht sein Gebiß im Fußbad ein und isst die Corega Tabs, weil er sie für Traubenzucker hält. Noch kann er sich draußen orientieren, aber er lebt an einer stark befahrenen Straße. Wie lange wird er noch in der Lage sein, allein einen kleinen Spaziergang zu machen?

Alma und Theo haben keine eigenen Kinder, die sich um sie kümmern. Alma hat gar keine lebenden Verwandten mehr. Meine Mutter ist die einzige seiner Geschwister, die sich aktiv um ihn kümmert. Sie betreut bereits meinen Vater, der pflegebedürftig und ebenfalls leicht dement ist. Mein Mann und ich leben 120 km nördlich von Theo. Im Moment haben wir unser eigenes Leben auf Eis gelegt, auf Dauer können wir das nicht. Keiner von uns möchte Theo und Alma in ein Pflegeheim geben, zumal beide unbedingt im eigenen Haus alt werden möchten. Ist eine 24-Stunden-Betreuung aus Osteuropa eine Alternative? Im Moment sind wir selbst hilflos und unsere Gedanken drehen sich im Kreis.

Ich habe mich entschieden, jeden Tag so gut wie möglich für Theo, aber auch für mich zu sorgen. Gleich mache ich Frühstück für uns mit frischem Obst und Knäckebrot. Danach wird geputzt und dann eingekauft. Heute Nachmittag kommt mein jüngerer Sohn zu Besuch. Dann werden wir einen Spaziergang mit dem Hund machen und mit Theo Kaffee trinken. Abends dann Fernsehen. Ein ganz normaler Samstag.

Fressattacke

Gestern war es soweit, ich hatte eine Fressattacke.

Es begann am Arbeitsplatz. Ich hatte mich geärgert, war müde und mein Schnupfen plagte mich obendrein. Ich kaufte mir eine Tüte Lakritz, um die Trockenheit im Hals zu verbessern, und aß die Tüte innerhalb von 10 Minuten auf. Danach war mir schlecht.

Als ich nach Hause kam warteten Theo und meine Mutter schon auf mich. Theo musste zum Arzt und wurde von seinem Betreuer abgeholt. Auf diese zwei Stunden, die er beim Arzt sein würde,  hatte ich mich sehr gefreut,denn seit ich bei ihm wohne, habe ich keine Zeit mehr ganz für mich allein gehabt. Nun hatte aber meine Mutter ein großes Bedürfnis über ihren Tag mit Theo zu reden. Die Uhr tickte, meine Mutter sprach sich aus und in mir wuchs immer mehr innere Unruhe. Ich wollte meine Mutter nicht verletzen, indem ich sie fortschickte. Schließlich sorgt sie sich um ihren Bruder und muss seine Alzheimer Erkrankung erst mal akzeptieren. Sie blieb noch fast eine Stunde. Danach war der Hund dran, der im Moment auch ständig zu kurz kommt. Und dann musste ich noch einkaufen. Dabei ist es passiert. Ein Becher Eis „Toblerone“ landete im Einkaufskorb. 185 ml, keine 500, damit rechtfertigte ich diesen Kauf. Als nächstes kamen Orangen, eine Dose Artischockenherzen, Brot, Bananen und Yoghurt.

Das alles wurde dann zu meinem Abendessen. Erst das Eis, dann die Artischocken, was Gesundes muss sein, danach habe ich dann alle Käsereste aus dem Kühlschrank verschlungen – ohne Brot – Gorgonzola, Tilsiter, Bergkäse, Camembert. Danach eine Orange und auch noch eine zweite. Schließlich folgten dann 2 Becher Yoghurt und danach fühlte ich mich elend. Den Rest des Abends verbrachte ich damit, mir immer wieder zu sagen, dass so ein Ausrutscher passieren kann, dass es der Stress war, dass morgen ein neuer Tag kommt, an dem ich diese Kalorienbomben ausgleichen kann usw. usw.

Heute? Nun heute hatte mein Lieblingskollege Geburtstag. Er brachte Chili Con Carne und frischen Butterkuchen mit. Ich konnte nicht widerstehen. Heute Abend gab es dafür nur Knäckebrot und ein paar Äpfel, die ich mir mit Theo teilte. Er guckt jetzt ein bisschen Fernsehen, so dass ich schnell ein paar Zeilen schreiben kann. Er vermisst seine Frau und ich werde mich gleich zu ihm setzen.